Paris - Tabus und heikle Themen kennt der syrische Lyriker Adonis nicht. Den Arabern wirft der Schriftsteller vor, die Religion als politisch-gesellschaftliche Macht zu instrumentalisieren.

Aber auch dem Westen hält er den Spiegel vor. Den NATO-Einsatz im libyschen Bürgerkrieg kritisierte er, und während viele Intellektuelle den arabischen Frühling vor fast fünf Jahren als Aufbruch in die Demokratie feierten, stand er den Aufständen skeptisch gegenüber. Adonis, der am 1. Januar 85 Jahre alt wird, versteht sich als Mittler zwischen westlicher und arabischer Welt.

Adonis sucht den konstruktiven Dialog durch Toleranz. Dazu gehört auch die Konfrontation. Jüngstes Beispiel: Seine Äußerungen zu den Ereignissen in Syrien und seine Kritik an der Opposition, die für ihn das andere Gesicht der Staatsgewalt ist. "Ich missbillige Gewalt in all ihren Formen, wie auch immer sie von denjenigen, die sie anwenden, begründet wird. Ich ertrage sie weder vonseiten des Regimes noch vonseiten der Gegner dieses Regimes. Ich bin für den friedlichen Widerstand, den Widerstand nach der Art von Gandhi", rechtfertigte Adonis seine Stellungnahme in der Presse.

Der Dichter lebt seit vielen Jahren in Paris. Demokratie und Freiheit hat er sich auf die Fahne geschrieben. Für seine Zurückhaltung wurde der 1930 in Nordsyrien bei Latakia geborene Intellektuelle von seinen Schriftstellerkollegen heftig kritisiert. Doch für Adonis kann es nur Demokratie geben, wenn das politische System auf keiner Religion aufgebaut ist. "Religion als führende Institution bedeutet immer Tyrannei", sagte er in einem Interview der Zeitung "Die Welt".

Das Ziel des Grenzgängers, der heute zwischen Beirut und Paris pendelt, ist ein doppeltes: Als Intellektueller will er die sozio-historische Modernisierung der arabischen Gesellschaft. Als Dichter die poetisch-künstlerische Erneuerung der arabischen Sprache, indem er die Tradition arabischer Dichtung mit modernen europäischen Gedanken vereint. Mit der Begründung, er sei "ein leidenschaftlicher Rebell gegen die geistige Erstarrung der arabischen Kultur", wurde Adonis im August 2011 denn auch als erster arabischer Dichter mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

Sein Lebensweg war bestimmend für sein künstlerisches Schaffen. Als Ali Ahmad Said, wie Adonis damals noch hieß, erlebte er den Prozess der Unabhängigkeit des Landes, bei dem er gegen die in Syrien stationierten französischen Streitkräfte gerichtete Demonstrationen und Aktivitäten organisierte. Wegen politischer Aktivitäten verbrachte er 11 Monate im Gefängnis. Im Jahr 1956 ging er ins liberalere Beirut und arbeitete als Lehrer, Journalist und Literaturkritiker.

Anfang der 60er Jahre gelang ihm der literarische Durchbruch. Sein Gedichtband "Die Gesänge Mihâyrs des Damaszeners" erschien und sorgte wegen seiner Modernität und Anklänge an Nietzsche in seinem Heimatland für Aufsehen. Dichten bedeutet für den mehrfach preisgekrönten Autor, die Welt neu zu denken, zu verändern. "Wer die Welt nicht jeden Tag neu erschafft, ist trivial, repetitiv, mechanisch", erklärte er.

Adonis ist Autor zahlreicher Gedichtsammlungen wie "Einführung in die arabische Poesie", "Anthologie arabischer Poesie von den Ursprüngen bis heute" und "Blätter im Wind". Einige seiner Dichtungen sind auch auf Deutsch erschienen wie "Der Baum des Orients", "Leichenfeier für New York" (1995), "Gebet und Schwert" (1995), "Ein Grab für New York" und "Wortgesang. Von der Dichtung zur Revolution."

In seiner Schrift "Plädoyer für eine Utopie" schreibt er: "Wenn es wahr ist, dass der Mensch in dem Maße Mensch ist, in dem er politisch handelt, in dem er sich frei betätigen kann, so müssen wir eingestehen, dass es diesen Menschen in der arabischen Gesellschaft nicht gibt."