Paris - Sterbehilfe, Genforschung, Sextourismus und Islamisierung des Abendlandes - Michel Houellebecq trifft in seinen Büchern den Nerv der Zeit. Politische Korrektheit ist für den Autor ein Fremdwort. Seine radikalen Aussagen sorgen für Kontroversen und heftige Debatten.

Jüngstes Beispiel: Sein neues Buch "Unterwerfung" (im Original: "Soumission"), in dem er die Zukunftsvision eines islamisierten Frankreichs entwirft. Das Satiremagazin "Charlie Hebdo", das am Mittwoch Ziel des Terroranschlags von Paris war, hatte mit dem Houellebecq-Buch seine Titelseite aufgemacht.

Houellebecq gilt mit seinen provokanten Thesen als Frankreichs Enfant terrible. In "Plattform" schockierte er Feministinnen und Gegner der Prostitution. In dem 2001 veröffentlichten Roman schickte er seinen sexuell frustrierten Protagonisten nach Thailand und feierte den Sextourismus.

Dafür, dass das Buch mit einem Anschlag von islamischen Fundamentalisten auf ein Feriendorf endet, erkoren einige Literaturkritiker ihn zum Visionär. Denn kurz nach der Veröffentlichung verübten Terroristen am 11. September 2001 Anschläge auf das World Trade Center in New York, ein Jahr später auf Bali-Urlauber. Seinen Ruf als Islamfeind verfestigte Houellebecq in einem Interview, in dem er den Islam als die "dümmste" unter den Religionen bezeichnete.

Das Denkmal eines Endzeit-Propheten setzte sich der Autor mit "Elementarteilchen" (1998) und "Die Möglichkeit einer Insel" (2005). In beiden Romanen will er die verkommenen und desillusionierten Menschen des dekadenten Abendlandes durch geklonte Individuen ablösen, die weder Alter noch Tod kennen.

Houellebecq wurde am 26. Februar 1958 (nach anderen Quellen: 1956) als Michel Thomas auf der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean geboren. Seine Großmutter zog ihn auf, er nahm ihren Namen als Pseudonym an. 1980 bekam er sein Diplom als Agraringenieur und arbeitete als Informatiker. Wegen Depressionen suchte Houellebecq mehrmals psychiatrische Kliniken auf. Ab Anfang der 90er Jahre widmete er sich dem Schreiben.

Der Romancier gibt in seinen Fiktionen immer auch ein Stück von sich selbst preis. Seine Protagonisten sind vereinsamte, pessimistische und von der Menschheit angeekelte Figuren. Wie Houellebecq öffentlich gestand, haben ihn des öfteren Selbstmordgedanken umgetrieben. In "Karte und Gebiet" aus dem Jahr 2010, für das er den begehrten französischen Literaturpreis Goncourt erhielt, inszenierte der Autor seine eigene bestialische Ermordung.

Hinter dem stets schmuddelig daherkommenden Schriftsteller, dessen Markenzeichen die Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger ist, verschanzt sich ein Mensch mit großer Selbstironie. In dem im August 2014 ausgestrahlten Arte-Dokumentarfilm "Die Entführung des Michel Houellebecq", in dem der Autor die Hauptrolle spielt, wird er entführt. Die Idee zu dem Film entstand, als er 2011 auf einer Lesereise tagelang verschwand und das Gerücht gestreut wurde, er sei von Al-Qaida gekidnappt worden.