Köln - Macht Michel Houellebecq Angst vor dem Islam? War auch das ein Motiv der Terroristen, die in Paris beim Satiremagazin "Charlie Hebdo" ein Massaker begingen?

Denn das Magazin hatte ja Houellebecq wegen seines Romans "Unterwerfung" auf dem Titel. Und die Mörder überfielen die Redaktion von "Charlie Hebdo" genau an dem Tag, als das Buch erschien, in dem es um den ersten muslimischen Präsidenten Frankreichs im Jahr 2022 geht.

Houellebecq (56) verschwand danach erst einmal aus der Öffentlichkeit. Nun kam er nach Köln. Auf der riesigen schwarzen Bühne im "Depot 1" verloren er und seine Übersetzerin, ein Schauspieler, der aus dem Buch las, und der Interviewer Nils Minkmar sich fast. Der Autor selbst wirkte geradezu zerbrechlich. Aber auch ruhig, manchmal bissig, oft heiter.

Seine wichtigste Botschaft: Sein Buch sei nicht islamophob, und man müsse so ein Gedankenspiel aufschreiben dürfen. Wer das Buch gelesen hat, wird beides bestätigen. Denn nicht die Islamisten sind die unerträglichsten Figuren in seinem Roman, sondern das saturierte Bürgertum. "Die Menschen sind so politisch wie ein Handtuch", wirft er dem Establishment vor, TV-Debatten seien nur noch ein Spektakel.

In seinem jüngsten Buch schildert er das sehr genau. Das Abendland geht schlafen, nach einem indischen Essen aus der Mikrowelle, einer guten Flasche Wein und einer schlechten Doku-Soap im Fernsehen. So lässt sich das Leben des Literaturprofessors François zusammenfassen, bevor sich zeigt, welche Konsequenzen seine Blasiertheit hat.

Nämlich die, dass in Frankreich ein Islamist an die Macht kommt. Und der Titel des Buchs meinte weniger die Unterwerfung des alten Frankreich durch die Islamisten, sondern das Sich-Unterwerfen von François und Konsorten unter die neue Ordnung.

Das ist die Zukunftsfantasie, die Houellebecq sich erlaubt und die sein Buch lesenswert macht. Und solche Fantasien sind seiner Meinung nach auch Aufgabe des Schriftstellers: "Die Literatur ermöglicht es einem, mehrere Leben zu führen." Das gelte für die Autoren, aber auch für die Leser.

In Köln befragt ihn Minkmar aber nicht nach seinen Fantasien, sondern nach seiner politischen Einschätzung. Zum Beispiel, was die rechtsextreme Front National von Marine Le Pen so attraktiv mache. "Ich würde gerne eine Zigarette rauchen, um darüber nachzudenken", sagt er, steckt sich auf der Bühe eine an und sagt dann: Die Front National vereinnahme immer mehr Themen für sich, erst die Furcht vor der Zuwanderung, dann die Ablehnung der Europäischen Union und jetzt die Angst vor dem Islam.

Die 600 Leute im Saal können Houellebecq beim Nachdenken zuhören, und am Schluss hat er selbst die Befürchtung, nicht immer mit der nötigen Klarheit geantwortet zu haben: "Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich meine Gedanken etwas sauberer aufgeschrieben, dann wäre alles etwas deutlicher geworden", meint er, bedankt sich für den Schlussapplaus und verschwindet hinter dem schwarzen Bühnenvorhang.