Castries - Im Werk von Derek Walcott ist die Karibik immer präsent. Das Meer ist ein wiederkehrendes Motiv, auch Mythen und Mundart seiner Heimatinsel St. Lucia durchziehen die mehr als 20 Gedichtbände, die er publiziert hat. Zugleich reihen sich seine Versepen in die Tradition abendländischer Literatur ein.

Bei Kritikern gilt er als "zeitgenössischer Homer", wie einst eine US-Zeitung über ihn schrieb. Am 23. Januar wird Derek Walcott 85 Jahre alt.

Für sein bis dahin eher einem kleinen Leserkreis bekanntes Werk erhielt Walcott 1992 den Literaturnobelpreis. Der Nachfahre von Sklaven war damals der erste Schriftsteller eines kleinen Karibik-Inselstaates, dem diese Ehrung zu Teil wurde.

Er werde "für ein poetisches Werk großer Leuchtkraft" ausgezeichnet, das von der historischen Vision eines multikulturellen Engagements getragen werde, begründete das Nobel-Komitee seine Entscheidung. Für Walcott sei wichtig gewesen, dass die mündliche Tradition seines Landes auch in Schriftform zu einem "Meer von Gedanken und Emotionen" werde, urteilte Rezensent Arthur Vogelsang.

Walcott wurde am 23. Januar 1930 in St. Lucias Hauptstadt Castries geboren. Er hat afrikanische und europäische Vorfahren. Dies "ist wahrscheinlich typisch für die Karibik: jeder ist eine Mischung von irgendwas", sagte der Lyriker 2005 in einem Interview.

Auf der Karibikinsel St. Lucia wird neben der Amtssprache Englisch auch das auf Französisch basierende Antillen-Kreolisch gesprochen. Das Gemisch seiner Kindheit aus Katholizismus, Musik und Ritualen aus Afrika und Lektüren englischer Literatur sei sehr ergiebig für ihn gewesen, erklärte Walcott.

Er selbst ist ein fruchtbarer Autor: Auf Englisch sind von ihm mehr als 20 Gedichtbände und über 30 Theaterstücke erschienen. Als sein wichtigstes Werk gilt das 1990 publizierte Versepos "Omeros", eine Adaptation des Trojanischen Kriegs als sozialer Konflikt zwischen Fischern in der Karibik.

1953 zog Walcott als 23-Jähriger auf die benachbarte Insel Trinidad, wo er jahrelang als Theater- und Literaturkritiker arbeitete. Seine erste Gedichtsammlung hatte er bereits fünf Jahre zuvor veröffentlicht. Später ließ er sich als Literaturdozent in den USA nieder. An der Boston University gründete er 1981 die Theatergruppe Boston Playright\'s Theatre.

2010 erhielt Walcott den britischen T.S. Eliot-Literaturpreis für seinen Gedichtband "White Egrets". Seit längerer Zeit lebt der Lyriker überwiegend wieder in St. Lucia. Auf Deutsch sind von ihm unter anderem "Der verlorene Sohn" (2007) und "Mittsommer/Midsummer" (2001) erschienen.