Tokio - Er ist so etwas wie das soziale Gewissen Japans. "Ich spüre, dass Japan an einem Wendepunkt angelangt ist", kommentierte Kenzaburo Oe kürzlich ein von der rechtskonservativen Regierung seines Landes verabschiedetes Gesetz zur verschärften Bestrafung von Geheimnisverrat.

Eindringlich warnt der große alte Mann der japanischen Nachkriegsliteratur vor einem Rückfall Japans in die Zeiten, die zum Zweiten Weltkrieg führten. Oe, der am 31. Januar 80 Jahre alt wird, wird auch im hohen Alter nicht müde zu mahnen und zu warnen. Gerade in diesen Zeiten, da die Regierung eine Abkehr von der pazifistischen Nachkriegsverfassung sowie eine Rückkehr zur Atomenergie anstrebt, ist seine Stimme bei vielen gefragter denn je.

Das schwedische Nobelpreiskomitee, das Oe 1994 mit dem Nobelpreis für Literatur ehrte, würdigte denn auch nicht nur Oes literarisches Schaffen, sondern auch seine Rolle als Sozialkritiker sowie Mahner vor einer kritiklosen Verwestlichung seines Heimatlandes. Und Willy Brandt meinte einmal, Oe spiele in seinem Land "offenbar dieselbe Rolle wie Günter Grass in Deutschland - den Nestbeschmutzer".

Beide Literaturnobelpreisträger - Oes Briefwechsel mit Grass erschien in Deutschland 1995 - thematisieren sowohl in Werk als auch in Tat die Lehren aus der schmerzlichen Vergangenheit ihrer Länder. So ist Oe Mitbegründer einer Bürgerorganisation, die sich für den Erhalt des Friedensartikels 9 der Nachkriegsverfassung einsetzt, die zu ändern sich die neue rechte Regierung groß auf die Fahnen geschrieben hat. Immer wieder meldet sich Oe, der lange als literarischer Einzelgänger oder linksintellektueller "Bürgerschreck" galt, zu dem Thema zu Wort.

Ein weiteres zentrales Thema für Oe, der am 31. Januar 1935 auf der Insel Shikoku im Südwesten Japans als Spross einer adligen Samurai-Familie geboren wurde und von seiner ländlichen Herkunft geprägt blieb, war der Atombombenabwurf auf Hiroshima. Heute steht der Nobelpreisträger an der Spitze einer Bewegung von Menschen in Japan, die nach dem Atomunfall in Fukushima in Folge eines schweren Erdbebens und Tsunamis einen Ausstieg aus der Atomkraft fordern.

"Hiroshima muss in unseren Erinnerungen eingeprägt sein: Es ist eine Katastrophe, die noch dramatischer als Naturkatastrophen ist, weil sie von Menschen gemacht ist. Dies durch dieselbe Missachtung für menschliches Leben in Atomkraftwerken zu wiederholen, ist der schlimmste Verrat an die Erinnerung der Opfer von Hiroshima", sagte Oe in einem Interview nach der Katastrophe vom 11. März 2011.

Oe, der sich selbst einmal das "schwarze Schaf" der japanischen Literatur nannte, zählt Thomas Mann zu seinen Vorbildern, wenn es um die Verbindung von literarischer und gesellschaftspolitischer Bedeutung geht. Für viele ist er denn auch der erste moderne Schriftsteller Japans mit starken europäischen Einflüssen und Prägungen, nicht zuletzt durch den französischen Existenzialismus.

Seinen literarischen Durchbruch erzielte Oe allerdings mit seiner frühen Erzählung "Der Fang" (1958) über die Erlebnis- und Erfahrungswelt von Kindern durch Kriegseindrücke. Nicht immer war er - vor allem für Leser in der westlichen Welt - leicht lesbar, "konsumierbar". Gern stellte Oe europäische Lesegewohnheiten auf den Kopf ("Ich mache es meinen Lesern nicht leicht"), sein literarischer Rang war aber bald und schon vor der Nobelpreisverleihung anerkannt - Henry Miller rückte Oe sogar in die Nähe eines Dostojewski.

Oe selbst nannte seinen Erzählstil "grotesken Realismus" und berief sich dabei gern auf den französischen Dichter François Rabelais (1494-1553). Aber auch deutsche Autoren wie Grimmelshausen und Goethe beeindruckten ihn. Kurz vor seinem 80. Geburtstag kamen in deutscher Übersetzung seine autobiografischen Essays in "Licht scheint auf mein Dach" heraus. Darin geht es um seinen geistig behinderten Sohn Hikari, der klassische Musik komponiert. Die Geburt seines Sohnes war auch Thema seines vielleicht bekanntesten Romans, des Meisterwerks "Eine persönliche Erfahrung" von 1964. "Ein Akt der Selbstentblößung, wie ihn die europäische Literatur kaum kennt", schrieb ein Kritiker dazu und erinnerte an Sartres "Ekel" und Dostojewskis "Sünde".