New York - Paul Auster gehört zu den bekanntesten Schriftstellern der USA und ist auch in Deutschland regelmäßig in den Bestsellerlisten zu finden.

Im Interview der Deutschen Prese-Agentur erzählt Auster, der mit der ebenfalls erfolgreichen Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet ist, von seinem neuen Buchprojekt, beklagt das Leseverhalten seiner Landsleute - und erinnert sich an eine schöne Überraschung, die er einmal in Deutschland erlebt hat.

Frage: Sie haben mit "Winter Journal" und "Bericht aus dem Inneren" gerade zwei autobiografische Bücher innerhalb von zwei Jahren veröffentlicht - wie kam das?

Antwort: Das weiß ich auch nicht. Insgesamt sind es jetzt schon fünf, wenn man die früheren dazuzählt. Sie unterscheiden sich stark voneinander und ich würde sie auch nicht als Memoiren oder Autobiografien bezeichnen. Es sind mehr Entdeckungsreisen als die Geschichte meines eigenen Lebens, die mir gar nicht interessant erscheint. Ich habe mein Leben benutzt, um über bestimmte Fragen nachzudenken, was es bedeutet, am Leben zu sein.

Frage: Und was ist Ihr nächstes Projekt?

Antwort: Ich arbeite wieder an einem Roman. Da stecke ich seit anderthalb Jahren wirklich tief drin. Ich schreibe ein dickes Buch.

Frage: Sie haben mal gesagt, dass es "Ferguson" heißen wird?

Antwort: Naja, nicht mehr. Wegen all der Dinge, die in Ferguson im Bundesstaat Missouri geschehen sind. Ferguson ist zu einem traurigen Beispiel für amerikanischen Rassismus geworden, und das wird diese Sprache wohl nie verlassen. Also kann ich kein Buch schreiben, das "Ferguson" heißt. Es ist schon komisch - ausgerechnet dieser Name, bei all denen, die es auf der Welt gibt. Das hat mich schon ziemlich umgeworfen, die Ereignisse selbst und dann auf eine egoistische Weise auch die Auswirkungen, die sie auf mich hatten. Aber meine Hauptfigur heißt immer noch Ferguson. Ich habe schon fast 500 Seiten und bin immer noch dran, wahrscheinlich wird es am Ende ein 800-Seiten-Buch. Das ist ein dickes Buch, zumindest für mich, ich habe noch nie so etwas Langes geschrieben.

Frage: Setzen Sie sich eine Deadline?

Antwort: Nein, ich mache einfach so gut ich kann, jeden Tag. Vor einer Weile hatte ich eine Schwächephase, hatte keine Energie mehr, war durcheinander und habe schlecht geschrieben. Aber dann habe ich anscheinend neuen Wind bekommen und bin wieder herausgekommen.

Frage: Von außen gesehen wirken Sie produktiver als je zuvor.

Antwort: Es ist aber nur eine Seite pro Tag, zwei wenn ich Glück habe, manchmal auch nur eine halbe. Aber wenn man dranbleibt, läppern sich die Seiten.

Frage: Ihr Kollege Philip Roth ist gerade in den Ruhestand gegangen und hat gesagt, für ihn sei das Schreiben ein täglicher Kampf gewesen.

Antwort: Das ist es auch. Es ist das härteste, was ich mir vorstellen kann. Aber Philip ist älter, ich bin 68 und noch gut dabei, ich kann den Kampf noch eine Weile aufnehmen.

Frage: Wie sieht Ihre tägliche Routine aus?

Antwort: Genau an diesem Tisch hier fängt sie an. Ich klettere aus dem Bett, komme hier herunter, lese die Zeitung, trinke Tee und Orangensaft. Dann gehe ich runter in mein Büro mit Blick auf den Garten. In den letzten zehn Jahren habe ich in einer kleinen Wohnung in der Nachbarschaft gearbeitet, aber wenn meine Frau viel reist - wie jetzt gerade - dann arbeite ich hier. Nach dem Frühstück schreibe ich ein paar Stunden, dann mache ich eine Mittagspause, um etwas zu essen, und am Nachmittag arbeite ich noch ein paar Stunden. Eigentlich ist es ein klassischer Arbeitstag von neun bis fünf.

Frage: Wie hat die moderne Technik Ihr Arbeiten verändert?

Antwort: Ich bin einer der wenigen Menschen auf der Welt, der sich von all dem fern hält. Ich habe keinen Computer und kein Handy. Ich habe mich einfach irgendwann entschieden, dass ich diese Sachen nicht machen muss - E-Mail zum Beispiel. Ich schreibe per Hand und tippe es dann mit einer Schreibmaschine ab, die benutze ich immer und sie ist unzerstörbar. Ich sage nicht, dass das eine gute Idee ist, aber ich bin daran gewöhnt und es funktioniert. Die Schreibmaschine macht meine Hände stark, vom Computer bekomme ich Schmerzen. Ich lese auch nie E-Books und Siri und ich boykottieren Amazon. Ich will keine Welt ohne Buchläden und Verlage.

Frage: Wie ist das Leben in einem Haus mit zwei erfolgreichen Schriftstellern? Gibt es Konkurrenzdruck?

Antwort: Nie. Das Großartigste für mich ist zu beobachten, wie Siri sich als Schriftstellerin entwickelt. Sie war schon immer gut, aber sie wird einfach immer besser und besser. Nicht nur ihre Romane, sondern auch ihre Essays. Sie ist wirklich gut im Rennen und es ist ganz schön aufregend, da Schritt zu halten. Sie ist die Intellektuelle in der Familie und ich genieße es einfach, ihr Leser zu sein. Es ist eine wahre Freude, mit so einem Genie zusammenzuleben. Sie ist auch eine großartige Leserin und hat mir schon viel geholfen. Jeder Schriftsteller braucht einen vertrauten ersten Leser.

Frage: In Europa sind Sie fast bekannter als in den USA, wie erklären Sie sich das?

Antwort: Das kann ich auch nicht genau erklären. Aber die Sache mit Amerika - und das ist für Europäer manchmal schwer zu verstehen - ist die: Amerikaner interessieren sich nicht für Literatur wie Europäer das tun. Es ist einfach nicht so Teil unseres Lebens. Wir interessieren uns für Filmstars, aber nicht für Schriftsteller. In Südamerika oder Europa kann ich zum Beispiel Ärzte, Architekten oder Zahntechniker kennenlernen und sie haben meine Bücher gelesen, und das ist wunderbar. Aber in Amerika lesen Ärzte keine Romane, ich habe zumindest noch nie so jemanden getroffen. Sie schauen Fernsehen oder gehen ins Kino. Was einen gebildeten Menschen definiert, ist eben in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich.

Frage: Sie waren auch oft in Deutschland - wie hat es Ihnen gefallen?

Antwort: Ich war schon lange nicht mehr da, fünf oder zehn Jahre. Aber ich erinnere mich immer an diese nette Sache, die mir dort passiert ist. 1992 war ich für eine Lesereise in Deutschland und wollte danach noch mit einem deutschen Freund an einem Projekt arbeiten. Aber dann war er beschäftigt und wir mussten das absagen, also wollte ich früher zurückfliegen. Am Flughafen bin ich an den Ticketschalter gegangen und habe gefragt, ob ich umbuchen kann. Die junge Frau am Schalter hat gesagt: "Es ist nichts frei, aber hier ist meine Telefonnummer, rufen sie mich an, ich schaue, was sich machen lässt." Ich habe sie dann immer mal wieder angerufen, aber es wurde nichts frei. Als ich dann in der letzten Stadt der Lesereise, es war glaube ich München, in den Saal kam, war da die junge Frau vom Ticketschalter und sagte: "Wollen Sie immer noch früher nach New York zurückfliegen? Hier ist Ihr Ticket. Sie wussten es nicht, aber als Sie an den Schalter kamen, hatte ich gerade ein Buch von Ihnen auf dem Schoß."

Zur Person: Der 1947 in Newark im Bundesstaat New Jersey geborene Paul Auster gehört zu den bekanntesten Schriftstellern der USA. Mit Romanen wie "Die New York-Trilogie" oder "Mond über Manhattan" schrieb er sich weltweit in die Bestsellerlisten. Auster und seine Frau, die Schriftstellerin Siri Hustvedt, leben im Stadtteil Park Slope in Brooklyn.