Zürich - Die Finanzkrise als Inspiration: Der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter hat einen Skandal in der Geldmetropole Zürich ersonnen. Der ist so gigantisch, dass er die ganze Welt in den Abgrund reißen könnte.

Aus Ärger über skrupellose Banker habe er seinen neuen Roman "Montecristo" jedoch nicht geschrieben, sagt Suter im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Dass Banker und Börsianer von Natur aus böse sind, glauben ja seit dem Ausbruch der Finanzkrise viele Menschen. Wer "Montecristo" liest, könnte sich darin bestärkt fühlen. Haben Sie einen Rochus auf die Branche?

Antwort: In meinem Weltbild gibt es niemanden, der von Natur aus böse ist. Ich glaube auch nicht, dass "Montecristo" dieses Bild vermittelt. Ich bin zuversichtlich, dass die Leser verstehen, dass es sich um eine Geschichte handelt, in der, da haben Sie Recht, ein Vertreter der Bankbranche zur Rettung seiner Bank und seiner Haut gewissenlos handelt.

Frage: Wie sind Sie denn auf das Thema gekommen? Zugegeben, es ist allgegenwärtig, aber: Haben Sie sich vielleicht auch schon darüber geärgert, dass es wegen der Krise nun gar keine Sparzinsen mehr gibt?

Antwort: Ich schreibe meine Bücher nicht aus Ärger über etwas. Ich schreibe sie aus Freude darüber, meine Leser für ein paar Stunden oder Tage in eine andere Welt zu entführen.

Frage: Dass sogar Schweizer Politiker Finsterlinge sein können, dürfte manchem Leser in Deutschland neu sein. Eigentlich halten wir eidgenössische Amtsträger zwar für etwas langweilig, aber über jeden moralischen Zweifel erhaben. Ist das gar nicht so?

Antwort: Ich bezweifle, dass es viele Leute gibt, die Politiker gleich welcher Provenienz für über jeden moralischen Zweifel erhaben halten.

Frage: Und dann natürlich die Journalisten. Die Hauptfigur Jonas Brand, erst der große Held und dann... wir wollen nicht zu viel verraten, aber wir wüssten schon ganz gern, was sie von Journalisten halten.

Antwort: Auch hier gilt: Ich versuche nur, eine gute Geschichte gut zu erzählen. Ich will mit meinen Romanen nichts verallgemeinern. Das gilt auch für meine Figuren. Wenn ich zum Beispiel einen Gärtner beschreibe, steht dieser nicht stellvertretend für seine ganze Berufsgruppe. Und was ich von Journalisten halte, verrate ich gerne: Es ist gleich wie bei meinen Romanfiguren. Manche mag ich, manche nicht. Mit vielen bin ich befreundet, und selbst war ich auch mal einer.

Frage: Insgesamt kommt die Schweiz in "Montecristo" nicht gut weg. Deutsche Steuerfahnder oder Finanzpolitiker könnten sich bei der Lektüre die Hände reiben - nach dem Motto: Haben wir ja schon immer gesagt, dass die so sind... Haben Sie keine Angst, daheim als "Nestbeschmutzer" beschimpft zu werden?

Antwort: Nein, das habe ich nicht. Nach meiner Erfahrung können die Leser unterscheiden zwischen einer Enthüllungsstory und einem Roman. "Montecristo" ist zweifelsohne ein Roman. Meine Romane müssen in sich stimmen, nicht im Bezug auf das Weltgeschehen.

Frage: Kenner von Suter-Romanen konnten sich bisher meist selbst eine Meinung bilden, welchen realen Ort der Autor vor Augen hatte. Nun wird Zürich explizit als Schauplatz genannt. Welche Überlegung hat Sie dazu gebracht?

Antwort: Meine Romane haben für Kenner immer in einer Stadt gespielt, die vermutlich Zürich war. Diesmal wollte ich, dass es sich eindeutig um Zürich handelt, aus Gründen des Realismus. Aber Ihren Fragen entnehme ich, dass das vielleicht zu gut funktioniert hat.

Frage: Ab Ende März wollen Sie sich ja wieder zum Schreiben zurückziehen. Wo wird das sein, Guatemala, Ibiza, die Schweiz? Und vor allem: Was ist Ihr nächstes Thema?

Antwort: Ich wohne mit meiner Familie jetzt wieder in der Schweiz. Hier arbeite ich auch an meinem nächsten Roman. Das Thema verrate ich noch nicht. Nur so viel: Es wird wieder eine fiktive Geschichte sein, die ich mit möglichst viel Realismus in der Wirklichkeit verankern werde.

ZUR PERSON: Martin Suter, geboren am 29. Februar 1948 in Zürich, gilt als der meistgelesene und am häufigsten verfilmte Autor der Schweiz (zuletzt "Der Koch"). Bis 1991 arbeitete Suter in der Werbebranche, er war auch als Journalist tätig. Den Durchbruch zum Erfolg als Schriftsteller schaffte er 1997 mit seinem Demenz-Thriller "Small World". Suter lebte längere Zeit in Guatemala und auf Ibiza, ehe er 2014 mit seiner Familie wieder nach Zürich zog.