Istanbul - Die Sprache wird die Menschheit retten - davon war der türkische Schriftsteller Yasar Kemal überzeugt. "Ich glaube tief an die Magie der Sprache", schrieb er im Unionsverlag. "Noch immer bin ich davon überzeugt, dass die Sprache neue Universen erschaffen, andere vernichten kann."

Aus dieser Macht der Sprache leitete Kemal die Verantwortung der Schriftsteller in der Gesellschaft ab. Eine Rolle, die er selbst sehr ernst nahm: Widerstand gegen empfundenes Unrecht und der Kampf für Freiheit und Menschenrechte ziehen sich als roter Faden durch das Werk des Schriftstellers. Nun ist Kemal nach längerer schwerer Krankheit an Organversagen gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. Am Montag wird Kemal in seiner Wahlheimat Istanbul beigesetzt.

Die Türken nennen Yasar Kemal nur "usta" - den Meister. Die Trauer im Land ist groß. "Die Türkei hat ihren größten Romancier, ihren liebsten Schriftsteller verloren", schrieb der Journalist Cem Erciye am Sonntag in der Onlinezeitung "Radikal". Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu würdigte Kemal als wertvollen Schriftsteller, der "unsterbliche Werke" für die Weltliteratur geschaffen habe.

Mit seinem 1955 veröffentlichten Roman "Ince Memed" (Memed mein Falke) wurde Kemal zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei und erlangte weltweiten Ruhm. Der Romanheld, der "schmächtige Memed", lehnt sich darin gegen die Herrschaft der Großgrundbesitzer auf und zieht als Bandit in die Berge.

Kemal kam im südanatolischen Dorf Gökcedam (früher: Hemile) in der Provinz Osmaniye als Sohn eines früheren Großgrundbesitzers auf die Welt. Sein genaues Geburtsdatum ist unklar. Der Schriftsteller sagt, er sei wahrscheinlich 1923 geboren worden. Gewürdigt wurde er stets zum 6. Oktober - dem Tag, an dem ihn sein Vater offiziell bei den Behörden angemeldet haben soll.

Seine Eltern waren 1915 aus Ostanatolien vor der russischen Besatzung geflohen und hatten sich schließlich in der Cukurova-Ebene niedergelassen. Als Kind verliert Kemal bei einem Unfall ein Auge. Mit viereinhalb Jahren musste er mit ansehen wie sein Adoptivbruder seinen Vater in einer Moschee erstach.

Kemal wird schwer traumatisiert. Über die Zeit schreibt er: "Von da an begann ich zu stottern. Nur wenn ich sang, kamen mir die Worte widerstandslos über die Lippen." Seine Gesänge brachten ihm die Spitznamen "Kemal den Barden" ein. Mit etwa elf Jahren lernte Kemal als einziges Kind im Dorf Lesen und Schreiben und überwand seine Sprachstörung. Er arbeitete als Straßenschreiber und verfasste Briefe, Bittschriften und Dokumente.

1951 erschienen seine ersten Erzählungen in der linksnationalistischen Zeitung "Cumhuriyet" in Istanbul. Er arbeitete zwölf Jahre lang als Journalist - schrieb über Armut, Hunger, Dürre und Ausbeutung.

Insgesamt war Kemal dreimal im Gefängnis. Unter anderem wurde der Schriftsteller 1971 wegen seiner Arbeit für die marxistische Türkische Arbeiterpartei von der damaligen Militärregierung inhaftiert. Da viele Schriftsteller seiner Generation in Haft saßen, bezeichnete Kemal das Gefängnis als "Schule der türkischen Gegenwartsliteratur".

Kemal, selbst Kurde, hat die Kurden-Politik seines Landes immer wieder kritisiert. Im Jahr 1996 wurde er wegen "Volksverhetzung" zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Weil er Mordanschläge von Rechtsradikalen fürchtete, lebte er zeitweise in Schweden, bevor er nach Istanbul zurückkehrte.

Sein letzter Roman mit dem Titel "Tek Kanatli Bir Kus" ("Vogel mit nur einem Flügel") erschien im September 2013. Darin beschäftigt sich Kemal mit der Angst, die die Gesellschaft vergiftet.

Kemal wurde mit vielen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet und 1972 als erster türkischer Schriftsteller für den Literaturnobelpreis nominiert. Günter Grass sagte 1997 in seiner Laudatio zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Kemal: "In Yasar Kemals Büchern ist die Darstellung des Rassenwahns als Ausdruck offizieller Regierungspolitik kenntlich. Deshalb ist der Autor den Herrschenden lästig."

Dieser Linie blieb Kemal treu. Die Gezi-Proteste im Sommer 2013 unterstützte er und schrieb in der italienischen Tageszeitung "La Repubblica": "Der Hass der gegen Meinungsfreiheit und Demokratie geschaffen wird, ist eine große Katastrophe in unserer Generation und kann nie verziehen werden. Was wir heute benötigen, ist ein demokratisches Regime."