Hannover - Von allen Orten, an denen man Vögel beobachten kann, dürfte ein Bundeswehrlager in Afghanistan einer der ungewöhnlichsten sein. Afghanistan - steht der Name nicht eher für Krieg, Attentate, Staub und zerstörte Häuser?

Was haben Vögel mit ihrer Freiheit und Unabhängigkeit also mit dem kriegszerstörten Land zu tun? An dieser Stelle wird es interessant - und der Gegensatz zwischen der Freiheit der Tiere und den Soldaten in ihrem umzäunten, von Raketenbeschuss bedrohten Lager macht aus einer scheinbar skurrilen Idee ein spannendes Szenario.

Besonders dann, wenn sich der junge Bundeswehrsanitäter, um den es in Norbert Scheuers neuem Roman "Die Sprache der Vögel" geht, in seiner Leidenschaft für Vögel gleichsam vergräbt und den Krieg nur am Rande wahrnimmt. Was ist das eigentlich für ein Buch - ein Anti-Kriegsroman, ein Kriegsroman gar, oder doch ein Werk über die Zerbrechlichkeit des Menschen und den Umgang mit Schuldgefühlen? Vermutlich ein bisschen von allem. Der Lohn für den Autor: Eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse, der zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland zählt.

In Kall in der Eifel siedelt der 63 Jahre alte Scheuer sein Panoptikum schräger und trauriger Helden gerne an. Nun ist es Afghanistan; aber auch die Eifel, die Heimat von Hauptfigur Paul Arimond, spielt eine wichtige Rolle. Und ein Held ist Paul eigentlich überhaupt nicht, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter, äußerst fragiler Mensch, der sich von allem loszusagen scheint, das ihn an die Heimat bindet.

Worum geht es in dem Buch? Paul kommt 2003 als Sanitäter der Bundeswehr nach Afghanistan, in genau das Land, das schon sein Urahn auf der Suche nach der Universalsprache der Vögel bereist hatte. Vögel zu beobachten, das liebt auch Paul, er macht Aufzeichnungen über die Tiere und entdeckt außerhalb des halbwegs sicheren Bundeswehrlagers seinen Sehnsuchtsort, einen See. Erst nach und nach erfährt der Leser - teils nur angedeutet - von all den schrecklichen Dingen, die den jungen Mann beschäftigen und zu zerbrechen drohen. Rätselhaft scheint all dies oft und doch bewegend.

Während die Bedrohung durch die Angriffe auf das Lager wächst, handelt er immer unberechenbarer - und kümmert sich auch nicht mehr um die soldatische Hierarchie. Die Freiheit der Vögel hat es ihm angetan - diese zu erleben, ist sein Traum.

Der Autor Scheuer hat sicherlich viele Talente. Sein vielleicht größtes ist die Kunst der Beschreibung und Charakterisierung, die auch den Menschen, die Paul umgeben, Kontur geben: auch sie zweifelnde, gar verzweifelnde, manchmal gebrochene Menschen, die dem jungen Bundeswehrsanitäter keinen Halt geben können. Von seiner Familie ganz zu schweigen. Auswege für Paul: eigentlich keine.

Warum liegt es für den Autor so nahe, den verträumten Vogelkundler ausgerechnet in Afghanistan fündig werden zu lassen? Einmal die Tierwelt des Landes, denn schon Pauls Urahn glaubt, hinter dem Hindukusch sei das Land der Vögel - mit vielleicht mehr Vogelarten als in ganz Europa. Manchmal hilft aber auch wohl der Zufall, wie der Autor verrät: In einem kleinen Supermarktcafé in Kall in der Eifel sei er einmal einem jungen Mann im Bundeswehrparka und mit Schildkröte begegnet. Was blieb, war seine Geschichte.

- Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel, Verlag C.H. Beck München, 238 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3406677458.