Berlin - Zwei Städte bedeuteten für den russischen Schriftsteller Michail Bulgakow die Welt: Kiew und Moskau. Heute gilt Bulgakow, der vor 75 Jahren starb, vor allem als Moskauer Autor.

Am 10. März 1940 verstummte eine der mutigsten Stimmen der sowjetischen Literatur, zermürbt vom Kampf gegen die stalinistische Kulturbürokratie.

Erst ein Vierteljahrhundert später konnte sein Hauptwerk "Meister und Margarita" gedruckt werden, wurde zum Moskauer Kultbuch und weltweiten Erfolg. Und doch ist Bulgakow nicht denkbar ohne die ukrainische Hauptstadt Kiew, in der er 1891 geboren wurde.

Beide Hauptstädte in Bulgakows Leben haben eine starke Ausstrahlung, die er literarisch einfing - in Kiew die einer uralten Stadt am Fluss, in Moskau die der unergründlichen russischen Macht. Über Jahrhunderte gehörten sie zu einem Sprach- und Kulturraum. Doch nach dem jetzigen Konflikt wird es einen Lebensweg wie den Bulgakows nicht mehr geben. Moskaus Druck auf das eigenständige Kiew droht das kulturelle Band zu zerschneiden.

In seinem Bürgerkriegsroman "Die Weiße Garde" machte der Schriftsteller Kiew zum Urbild aller Städte: "Wie ein vielstöckiges Wabengebilde rauchte und rauschte und lebte DIE STADT. Herrlich lag sie bei Frost und Nebel auf den Bergen am Dnjepr." In Kiew wuchs der Sohn eines Theologieprofessors auf, studierte Medizin. Bulgakows Familie durchlebte die vielen Machtwechsel zwischen Deutschen, Weißen, Roten, Ukrainern nach dem Ersten Weltkrieg - der Stoff für die "Weiße Garde".

Für die ukrainische Nationalbewegung hatte der Russe Bulgakow wenig übrig. Doch Kiew trägt ihm das nicht nach. Sein Geburtshaus am Andreashügel ist ein liebevoll gepflegtes Museum, das die Erinnerung an ihn und an die "Weiße Garde" verwebt. Die Museumsführerinnen sprechen über ihr Idol, als sei Bulgakow nie nach Moskau gegangen.

Dabei entstand der Roman schon in Moskau und wurde 1926 in seiner Theaterfassung "Die Tage der Turbins" ein sensationeller Erfolg. Selbst der Diktator Josef Stalin schätzte das Stück. In der turbulenten Sowjethauptstadt machte Bulgakow sich einen Namen als Dramatiker und Satiriker, als glänzender Stilist. In schwarzen Satiren wie "Die verfluchten Eier" oder "Hundeherz" spottete er über sowjetischen Fortschrittsglauben, den vergeblichen Versuch, einen neuen Menschen zu schaffen.

Aus seiner Ablehnung des Systems machte Bulgakow keinen Hehl, nannte sich stolz den "einzigen literarischen Wolf" unter lauter Pudeln. Anders als Ossip Mandelstam oder Daniil Charms erlitt Bulgakow weder Lagerhaft noch Tod, doch die Zensur ließ ihn am ausgestreckten Arm verhungern. Theaterstücke wurden kurz vor der Premiere abgesetzt, an Veröffentlichung seiner Prosa war nicht mehr zu denken.

"Alles ist verboten, ich bin ruiniert, ich werde gehetzt, ich bin völlig einsam", klagte er 1929. "Wozu einen Schriftsteller in einem Land festhalten, in dem seine Werke nicht existieren können?" Bulgakows Briefe an Freunde und Kollegen, seine Bittschriften an Stalin hat Luchterhand unter dem Titel "Ich bin zum Schweigen verdammt" zum 75. Todestag neu herausgebracht.

Wie die Kiewer Bulgakow-Leser das Museum am Andreashügel besuchen, sind seine Moskauer Fans über Jahre zum Haus Nr. 10 in der Straße Bolschaja Sadowaja gepilgert. Sie übersäten das Treppenhaus mit Graffiti, Motiven aus "Meister und Margarita". Bulgakow hat einige Jahre in dem Haus gelebt, er ließ in dem Roman den Teufel und seine Gefolgschaft dort Quartier nehmen. Ihr Spuk treibt im Buch halb Moskau in den Wahnsinn. Doch Margarita geht einen Pakt mit dem Teufel ein, um ihren geliebten Meister, einen Schriftsteller, aus dem Irrenhaus zu retten. So fantastisch das Geschehen ist, jeder Schauplatz lässt sich im Moskau der 1920er und 30er Jahre genau verorten.

"Meister und Margarita" sei ein "Großstadtpoem im Geist der Moderne" schreibt Alexander Nitzberg im Nachwort seiner vielgerühmten deutschen Neuübersetzung von 2012. Literarische Vorbilder sind Goethes "Faust", auch der deutsche Romantiker E.T.A. Hoffmann. Und doch gibt es auch Anklänge an Bulgakows Heimat, an ukrainische Folklore, Spukgeschichten, an absurden Humor. Sie finden sich auch bei einem anderen großen russischen Schriftsteller aus der Ukraine, bei Nikolai Gogol (1809-1852).

Bulgakow liebte Moskau. "Meine zärtliche und einzige Liebe, den Kreml, habe ich heute nicht gesehen", schwärmte er Ende 1924 in seinem Tagebuch. Und doch blieb seine alte Sehnsucht: "Kiew ist so bezaubernd, dass ich mir manchmal wünsche, von Moskau dorthin zu ziehen, um mein restliches Leben am Dnepr zu verbringen."