Berlin - Er konnte einen Brief in einem Ei verstecken. Oder eine rote Rose augenblicklich weiß färben. Eine Nadel brachte er mit Magnetkraft dazu, aufrecht auf einem Spiegel zu gehen. Nie ging er ohne Kostüm aus dem Haus.

Der Hofnarr Joseph Fröhlich (1694-1757) war Taschenspieler und Artist zugleich, ein beliebter und belesener Mann und fürsorglicher Familienvater, der als "Lustiger Rat" am Hofe von August dem Starken in Dresden Karriere machte. Aber Fröhlich war auch ganz wortwörtlich ein Spielball der Mächtigen, der bei höfischen Belustigungen wie dem "Fuchsprellen" Maulschellen einsteckte, sich zum Hanswurst degradieren musste und immer wieder körperliche und seelische Blessuren davontrug.

Diesen Zwiespalt beleuchtet Hans Joachim Schädlich (79) in seinem neuen, lakonisch knapp erzählten Roman "Narrenleben". Nach seiner Novelle "Sire, ich eile" (2012), die vom ungleichen Verhältnis zwischen Friedrich dem Großen und dem Philosophen Voltaire handelte, widmet sich der 1935 im Vogtland geborene Autor erneut einem von Willkür geprägten Verhältnis. Schädlich selbst musste in der DDR viele Repressionen erdulden, bis er 1977 nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann in die Bundesrepublik ausreisen konnte.

Die Gespräche und Szenen in seinem neuen Roman sind fiktiv, aber der historische Rahmen und alle Figuren sind akkurat recherchiert. "Wie konnte Fröhlich fröhlich sein?", fragt der Erzähler. Der Narr nahm seine Rolle an und hatte Glück, dass August der Starke ihm wohlgesonnen war. So brachte es Fröhlich zum Häuschen am Elbufer, seine Familie und die geliebte Bibliothek wuchsen, und er war der Einzige, der den Herrscher duzen durfte und ihm auch unbequeme Wahrheiten unterjubeln konnte. "Ein Narr wider Willen ist kein Narr, sondern ein Idiot", lautet sein Fazit.

Ganz anders das Schicksal des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Peter Prosch (1744-1804). Der Gaukler und Handschuhmacher aus Tirol zieht von frühester Jugend an von Hof zu Hof, ohne je eine feste Anstellung oder Pension zu erlangen. Stattdessen muss er üble Streiche erdulden, Demütigungen sind an der Tagesordnung: "Je mehr ich ertrage, desto höher ist mein Ertrag", schreibt er in einem fiktiven Brief an seinen Kollegen Fröhlich. Elegant verknüpft Schädlich die beiden Lebensbilder, die weit über ihren konkreten historischen Kontext hinausragen.

Hans Joachim Schädlich, Narrenleben, Rowohlt Verlag, Reinbek, 175 S., 17,95 Euro; ISBN 978-3498064280;