Budapest - Sein berühmtester Satz steht am Anfang seines großen Romans "Harmonia Caelestis", der ihm 2004 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels einbrachte: "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt."

Damit hat Peter Esterhazy mehr als nur ein logisches Statement formuliert, er hat seine Poetik auf den Punkt gebracht. Der ungarische Star-Autor, der am 14. April 65 Jahre alt wird, badet in seinen Texten geradezu in Geschichten, die wahr sind, auch wenn - oder gerade weil - sie erfunden wurden.

Seine Baumaterialien sind die Geschichte Mitteleuropas, die damit verwobene Historie seiner jahrhundertealten Adelsfamilie Esterhazy, sowie literarische Werke anderer Autoren. Mythos und Logos treffen sich - wie im richtigen Leben, könnte man meinen.

Esterhazy dekonstruiert, rekonstruiert, spielt mit Zitaten - diese Bausteine fallen sich gegenseitig ins Wort, wie ein deutscher Kritiker einmal schrieb. Diese Intertextualität hat Esterhazy zu einem der wichtigsten Autoren der Postmoderne gemacht - und sie hat ihm 2010 auch Plagiatsvorwürfe eingebracht. Damals warf ihm der deutsche Autor Sigfrid Gauch vor, ein Kapitel aus seinem Buch "Vaterspuren" in "Harmonia Caelestis" übernommen zu haben. Dies löste eine heftige Debatte aus - wobei Esterhazy sich mit dem Argument verteidigte, dass dies nun einmal zu seiner Arbeitsmethode gehöre. Sein Berlin-Verlag führte in einem Marginalienband 185 Autoren auf, aus denen Esterhazy zitiert hatte.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte war Esterhazy geradezu in die Wiege gelegt. Geboren am 14. April 1950 im damals tief stalinistischen Ungarn, erlebte er mit seinen Eltern die Verbannung in ein Dorf. Die adligen Esterhazys galten als Klassenfeinde. Dass seiner Familie Besitz und Macht abhandenkamen, bezeichnete Esterhazy oft als Glücksfall, weil ihm dies die Rebellion gegen die Vorfahren erspart habe. Zu ihnen gehörten Fürsten, Kulturmäzene - Franz Liszt war Hauskomponist der Esterhazys -, hohe Geistliche, Politiker - darunter auch ein Ministerpräsident. Ihnen setzte Esterhazy in "Harmonia Caelestis" ein ironisches Denkmal.

Zentral in diesem Roman ist die Vaterfigur, wobei sich der biologische Erzeuger in viele historische Väter aufsplittert und mit ihnen vereinigt. Allesamt heißen sie "Meinvater". Just zu diesem Thema hielt das reale Leben eine traurige Ironie für den Autor bereit: Kurz nach Veröffentlichung von "Harmonia Caelestis" fand Esterhazy heraus, dass sein damals schon verstorbener Vater Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes war. Er verarbeitete dies in dem Band "Verbesserte Ausgabe".

Die Familie taucht als Motiv schon in Esterhazys Debütwerk "Fancsiko und Pinta" auf, das er 1976 kurz nach seinem Mathematikstudium veröffentlichte. Esterhazy sei damit "in die im Frost des sozialistischen Realismus erstarrte ungarische Literatur eingebrochen wie der Frühlingswind", schrieb der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertesz dazu.

33 Titel umfasst Esterhazys vielfach preisgekröntes Werk mittlerweile, davon sind 24 auch in deutscher Übersetzung erschienen. Er ist damit im deutschen Sprachraum der bisher meistgedruckte ungarische Autor. Er begeisterte unter anderem auch mit "Deutschlandreise im Strafraum", das 2009 zum "Fußballbuch des Jahres" gekürt wurde. Der Autor selbst hat jahrelang in einem Verein Fußball gespielt, sein Bruder Marton war sogar Kicker der ungarischen Nationalelf.

Bisweilen ist Esterhazy vorgeworfen worden, dass er nicht offen gegen das kommunistische Regime in seinem Land opponiert habe. Dazu sagte er, dass er damals wie viele seiner Zeitgenossen über das Regime nur noch "gelacht" habe. Esterhazy hat als junger Erwachsener vor allem den sanften Gulaschkommunismus erlebt. Umso deutlicher stellt er sich jetzt gegen das zur Autokratie neigende Regime des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Kurz vor Jahresende 2014 schrieb er für die Wochenzeitung "HVG" einen viel beachteten Essay, in dem er gegen das Gutsherren-Verhalten der heute regierenden Bonzen zu Felde zog.

Anfang 2013 hatte der regierungstreue ungarische Staatsrundfunk einen Satz aus einem Interview Esterhazys weggeschnitten, in dem dieser Orbans Kulturpolitik kritisierte. Der Chef der zentralen Medienholding MTVA, Istvan Böröcz, entschuldigte sich daraufhin bei dem Schriftsteller mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass er dies nur wegen dessen literarischen Ruhms tue. "Nun, es hat Ihnen beliebt, im Irrtum zu sein", antwortete ihm Esterhazy darauf. Das klang elegant, aber ganz und gar nicht versöhnlich.