Berlin - Heinrich Böll ist schon lange gegangen, im letzten Jahr war es Siegfried Lenz, jetzt Günter Grass. Von den großen Figuren, die über Jahrzehnte die literarische Debatte in der Bundesrepublik prägten, erheben nur mehr wenige ihre Stimme. Hans Magnus Enzensberger (85) legte zuletzt sein Erinnerungsbuch "Tumult" vor, Martin Walser (88) einen Sammelband zu seinem Lebensthema "Unser Auschwitz".

Für den Literaturwissenschaftler Prof. Jürgen Brokoff von der Freien Universität Berlin geht mit dem Tod von Günter Grass eine Epoche zu Ende. "So wie der Tod von Christa Wolf vor vier Jahren das Ende der DDR-Literatur markierte, so ist nun die Ära der alten Bundesrepublik zu Ende gegangen", sagt er. "Beide haben mit ihrer einzigartigen Stellung als gesellschaftspolitisch engagierte Literaten viel gemein."

Bei Günter Grass war es der frühe Erfolg mit seinem Jahrhundertroman "Die Blechtrommel", der ihm die Rolle als Mahner und moralische Instanz praktisch zuwachsen ließ. Seit er 1958 bei einem Treffen der legendären Gruppe 47 im Gasthof Adler im Allgäuer Luftkurort Großholzleute aus dem ersten Kapitel vorgelesen und von den Kollegen begeistert gefeiert worden war, avancierte er zum Aushängeschild des einflussreichen Autorenbunds.

"Noch als 80- bis 90-Jährige schaffen sie es eher, im Mittelpunkt zu stehen, als die meisten Protagonisten der Autorengenerationen danach", schrieb der Literaturkritiker Helmut Böttiger in seiner Analyse "Die Gruppe 47", mit der er 2013 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhielt.

Beispiele waren etwa Walsers umstrittene Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche, als er vor einer ständigen Thematisierung des Holocaust als "Moralkeule" warnte. Oder Grass\' Israel-kritisches Gedicht "Was gesagt werden muss", das 2012 nicht nur in jüdischen Kreisen Empörung auslöste.

Nach Einschätzung von Böttiger bezog sich die große mediale Aufmerksamkeit für die deutschen Groß-Schriftsteller aber vor allem auf ihre Rolle als Gesellschaftskritiker. "In der literarischen Diskussion, die vom jetzigen Literaturbetrieb definiert wird, waren sie seit 20, 30 Jahren nicht mehr als Meinungsführer akzeptiert", sagte der Autor der Deutschen Presse-Agentur.

Schon seit Jahren wird in den Feuilletons diskutiert, ob der Typ des politischen, gesellschaftlich wachsamen Autors mit den nachfolgenden Generationen ausstirbt. In den Nachrufen auf Grass waren dazu durchaus selbstkritische Töne von Nachgeborenen zu hören.

So bekennt sich etwa der Dramatiker Moritz Rinke in der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstag) zu einer zunehmenden Liebe für Grass\' "Donnerkanonen": "Und er lebte unter uns Jüngeren zwischen kleinen Formdebatten und Innenschauen, zwischen Markgetuschel und Mikroprosa. Ja, ich ahne schon, er wird mir fehlen."

Gleichwohl kein Anlass zu Nostalgie, meint Prof. Brokoff. "Das alte Modell des moralischen Zeigefingers hat sich überlebt", sagt er. "Das heißt aber nicht, dass jüngere Autoren weniger politisch oder gar apolitisch sind, im Gegenteil."

Als Beispiel verweist er etwa auf Schriftsteller wie Ilja Trojanow (49) oder Juli Zeh (40), die nicht zuletzt mit ihrem gemeinsamen Buch "Angriff auf die Freiheit" seit langem gegen Kontrollverlust und Überwachungsstaat zu Felde ziehen. "De facto haben solche Autoren genauso den Anspruch, einzugreifen und anzuklagen, aber sie treten nicht mit einem solchen Überlegenheitsgestus auf", sagt Brokoff.

Was allerdings Günter Grass angeht, wird er auf immer mit dem Nimbus des selbstverständlichen Hier-komm-ich verbunden bleiben. Das war sein Markenzeichen, das machte ihn auch liebenswert. Sein Kollege Ingo Schulze ("Simple Storys") schrieb zum Abschied: "Ich bin dagegen, dass Günter Grass tot sein soll. Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren."