München - Martin Walser (88) vermisst bei den christlichen Kirchen die Imagepflege.

"Mich wundert, dass die Kirchen nicht dauernd darauf aufmerksam machen, wo Europa ohne die christliche Kunst und Kultur wäre", sagte der Schriftsteller am Freitagabend in München bei einem Podiumsgespräch mit dem Münchner Erzbischof und Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Die Fähigkeit, etwas schön zu finden, sei schließlich durch die christliche Kulturgeschichte massiv geprägt worden, betonte Walser.

Von der Institution Kirche hält er hingegen wenig. "Ich kann mit Kirche nichts anfangen", sagte Walser. Ausgetreten ist der gebürtige Katholik allerdings nie, zu sehr denke er über den Glauben nach. "Wer sagt, Gott gibt es nicht, hat schon von ihm gesprochen." In seinem Leben habe er zahlreiche glaubensstarke Menschen erlebt, darunter einen Kaplan, der ihn in der Kindheit durch seine Schwäche und Ehrlichkeit beeindruckt habe. "Solche Menschen muss man erlebt haben. Sie sind ein Denkmal", so Walser.

Der Autor hat sich in seinen Werken mehrfach mit Religion und Kirche auseinandergesetzt, zuletzt in den Büchern "Über Rechtfertigung, eine Versuchung" und "Muttersohn". Dass der Glaube trotz hoher Kirchenaustrittszahlen weiterhin Thema in der Gesellschaft bleiben werde, davon ist Walser überzeugt: "Das Reden über Unsterblichkeit ist ein Bedürfnis."