New York - Fanpost an Morton Rhue kommt an - aber eigentlich heißt der Autor des Bestsellers "Die Welle" Todd Strasser. Das Buch über ein Schulexperiment zum Holocaust, das außer Kontrolle gerät, hat den Schriftsteller weltweit bekannt gemacht.

Am 5. Mai wird der in New York lebende Strasser 65 Jahre alt. Der Deutschen Presse-Agentur erzählt er im Interview, wie aktuell "Die Welle" immer noch ist, wie es zu seinem Pseudonym kam - und wie eine Glückskeks-Fabrik seine Schriftstellerkarriere ermöglicht hat.

Frage: Wie kam es zu Ihrem Bestseller "Die Welle"?

Antwort: Er basiert ja auf einem Experiment, das ein Lehrer namens Ron Jones in seiner Klasse in Kalifornien durchgeführt hat. Er wollte den Schülern etwas über den Holocaust beibringen, und sie haben nicht richtig verstanden, wie so etwas passieren kann. Spontan hat er dann dieses Experiment ausprobiert, das außer Kontrolle geraten ist - und das ist die Geschichte der "Welle". Ich habe davon über meinen Verleger erfahren, der Jones\' Zeitschriftenessay gelesen hatte, und sie dachten, dass es eine gute Geschichte für junge Leute wäre. Also haben sie mich darum gebeten. Für zahlreiche meiner Bücher muss ich viel recherchieren, aber hier kannte ich die Geschichte und hatte den Essay - es ging nur noch darum, daraus ein aufregendes Buch für Jugendliche zu machen.

Frage: Haben Sie den Erfolg des Buches erwartet?

Antwort: Nie. Und anfangs war es auch überhaupt kein Erfolg. Es fing ganz langsam an und wurde immer mehr und mehr. Niemand hatte erwartet, dass es ein großer Erfolg wird. Und jetzt, mehr als 30 Jahre später, wird es jetzt immer noch in so vielen Schulen gelehrt und ich bekomme immer noch so viele Anfragen für Lesungen und Diskussionen per Skype von überall auf der Welt.

Frage: Bezahlt es denn immer noch ihre Miete?

Antwort: Weil Ron Jones die Idee hatte und den Essay geschrieben hat, muss ich mir die Lizenzgebühren mit ihm und auch noch mit anderen Menschen teilen. Aber es ist auch in dieser Hinsicht trotzdem großartig und hat mir erlaubt, viele andere Bücher zu schreiben - insgesamt sind es mehr als 140.

Frage: Das Buch hat für Deutschland natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Antwort: Ich war oft in Deutschland und es ist wunderbar zu sehen, wie jeder dort das Buch kennt und nutzt. Meiner Meinung nach zeigt es, dass so etwas überall passieren kann und die Deutschen da nicht einzigartig sind. Wenn ich jetzt die Skype-Diskussionen (also über Video-Konferenz) mit Schulklassen mache, vergleiche ich es auch mit den jungen Menschen, die die USA und Europa verlassen, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen. Da sehe ich wirkliche Parallelen.

Frage: Wieso haben Sie das Buch unter dem Pseudonym Morton Rhue veröffentlicht?

Antwort: Ich hatte schon vorher an einem anderen Buch gearbeitet und dann sollten beide zur selben Zeit herauskommen. Aber ich war damals noch überhaupt nicht bekannt und mein Verleger hatte Sorge, dass es nicht gut für den Verkauf wäre, wenn zwei meiner Bücher zur selben Zeit herauskämen. Also sollte ich ein Pseudonym benutzen. Todd klingt ja ähnlich wie Tod und Strasser wie Straße, auf Französisch übersetzt kommt dabei etwa Morton Rhue raus. Viele kennen mich nur darunter, ich bekomme auch die ganze Zeit Post an diesen Namen, aber die wird inzwischen zu mir umgeleitet.

Frage: Stimmt es, dass Sie einmal eine Glückskeks-Fabrik besessen haben?

Antwort: Das war irgendwie Zufall. Als ich mein erstes Buch verkauft hatte, wollte ich mir auf keinen Fall wieder einen Job suchen müssen, sondern nur noch schreiben. Also habe ich die 3000 Dollar vom Verkauf meines Buches genommen und gemeinsam mit einem Freund eine Fabrik für Glückskekse mit lustigen Sprüchen aufgemacht. Wir fanden beide immer, dass die Sprüche in den Keksen normalerweise nicht besonders anregend waren. Und zu unserer Überraschung fanden die Leute es toll und eine Zeitlang haben wir viele Kekse verkauft. Dann ist es aber irgendwie eingeschlafen, außerdem hat meine Schriftstellerkarriere Fahrt aufgenommen und ich brauchte die Kekse nicht mehr. Aber wenn es die Glückskekse nicht gegeben hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht mit dem Schreiben weitermachen können. Sie haben viele Rechnungen bezahlt.

ZUR PERSON: Todd Strasser, auch bekannt unter dem Pseudonym Morton Rhue, wurde am 5. Mai 1950 in New York geboren. Nach zahlreichen kleineren Jobs beispielsweise als Zeitungsreporter oder Werbetexter, veröffentlichte er 1978 seinen ersten Roman. Inzwischen sind es mehr als 140. Besonders bekannt ist er für den Bestseller "Die Welle", der auch verfilmt wurde und in vielen Schulen der Welt auf dem Lehrplan steht.