Berlin - Als Meister der Wortschöpfung findet Padgett Powell selbst den Ausdruck, der das Wesen seiner Geschichten wohl am treffendsten beschreibt: "Kuddelmuddelpotential". Es kommt gleich in der ersten seiner zehn Erzählungen in "Schrottplatz der gebrochenen Herzen" vor.

Zehnmal gibt es reichlich Anlass zur Verwirrung. Ein offensichtlich psychisch Kranker will unbedingt einen fünfzig Pfund schweren Chihuahua in Mexiko ausfindig machen. Ein anderer fürchtet, in seinem Wohnwagen von der Erde verschluckt zu werden. Und ein weiterer bekommt Besuch von "Fremdlingen der Zuneigung" - von mysteriösen Wesen, offenkundig damit betraut, Herzen zu zerbrechen.

Warum das alles geschieht? Nun ja, die Antwort darauf ist eher ein Gefühl, das sich nach der Lektüre dieses Wirbelsturms an verschlungenen Gedankengängen und hintersinnigen Wortspielen einstellt. Gewissheit gibt es nicht, denn Powell mutet seinen Lesern sehr viel zu. Zumindest jenen, die nach klaren Kausalketten suchen. Seine Protagonisten fabulieren einfach drauf los. Meist leben sie im Süden der USA und sind Außenseiter. Nicht selten haben sie schlechte Zähne, seelische Verletzungen oder etwas zu viel Lust auf Alkohol. Aber es treibt sie auch stets etwas an, sei es der Wunsch nach einem irgendwie anderen Leben oder das schlichte Verlangen nach Sex.

Der US-Amerikaner Padgett Powell, Jahrgang 1952, war unter anderem mit seinem "Roman in Fragen" bekanntgeworden. 2012 erschien das Buch in Deutschland. Es war eine eigenwillige Komposition - ein Text in Frageform. "Schrottplatz der gebrochenen Herzen" ist ebenso eigenwillig, wenn auch schon einige Jahre alt. Unter dem Titel "Aliens of Affection" wurden die Geschichten bereits 1998 in den USA veröffentlicht.

In den Erzählungen geht es oft um Triebe. Gleich zu Beginn will ein Junge mit einer Frau schlafen, die deutlich älter ist und seine Mutter sein könnte. Blind vor Hormonen stellt er ihr nach, klaut einen Rasenmäher und kommt in ihr Haus. Sie ist nicht abgeneigt. Powell lässt sich verspielte aber meist treffende Beschreibungen für die Annäherung der beiden einfallen. Bei ihm ist die Frau nicht sexuell frustriert, sondern "fuchsteufelswild". Der Junge ist nicht verliebt, sondern ergriffen "von etwas wie Flüssigkeit, das warm bis hinauf in Schultern und Kopf kam und ihn fast zum Weinen brachte."

Übersetzt wurden die Erzählungen von Harry Rowohlt. Dem 68 Jahre alten Übersetzer und Autor, der vielen auch als Schauspieler und Leser von Hörbüchern bekannt sein dürfte, gelingt es selbst bei Powells seltsamsten Wortschöpfungen ("inkongruente Geilsamkeit"), deutsche Entsprechungen zu finden. Dennoch bleibt es hier und da schwierig, Powell bei seinem Wortschwall zu folgen. Einer seiner Helden formuliert es so: "Kommt was in den Sinn, sag es; kommt was in den Unsinn, sag es." Und diese Herangehensweise birgt eben "Kuddelmuddelpotential".

(Padgett Powell: Schrottplatz der gebrochenen Herzen. Storys. Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Rowohlt, Berlin Verlag, 300 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-8270-0308-9)