Berlin - Emilia ist ein seltsames Mädchen. Obwohl sie noch so klein ist, scheint sie über magische Kräfte zu verfügen. Seit sie im Leben ihres Cousins aufgetaucht ist, erlebt dieser mit ihr jedenfalls seltsame Dinge.

Da sind zum Beispiel diese fünf Elefanten. Der Cousin hat sie auf einem alten Foto entdeckt. Doch Emilia findet lebendige Elefanten viel schöner. So lädt sie den Jungen zu einem Streifzug durch die Gärten ein. Und während der Himmel voller feindlicher Flieger ist - es herrscht Krieg - entdecken die Kinder tatsächlich eine friedlich äsende Elefanten-Gruppe. Der Junge mag an keine Einbildung glauben: "Ich bin fest davon überzeugt, dass ich sie gesehen habe, so wie ich auch davon überzeugt bin, dass meine Cousine Emilia eigentlich eine kleine Hexe war."

Das könnte stimmen. Denn die Elefanten sind erst der Anfang. In Vlada Uroevis Roman "Meine Cousine Emilia" tauchen noch weitere merkwürdige Tiere auf: Ein pfeifender Hund, ein Einhorn und eine Küchenschabe. Ebenso rätselhaft sind die Orte, die die Kinder erobern: ein aufgelassener türkischer Hamam, ein labyrinthartig verschachteltes Hotel, duftende Gewürzlagerhäuser, die das Feuer verschlingt. Es ist eine geheimnisvolle, fantastische, irgendwo zwischen Traum und Realität angesiedelte Welt, in die uns der mazedonische Schriftsteller mitnimmt.

Es ist schon erstaunlich, dass der fast 80-jährige Schriftsteller erst jetzt für den deutschen Buchmarkt entdeckt wird und das mit einem Buch, das immerhin bald 20 Jahre alt ist. Der aus Skopje stammende Autor und frühere Literaturdozent kann immerhin auf ein reiches Werk verweisen, das sowohl Gedichte wie Prosawerke umfasst. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Der Geschmack der Pfirsiche", "Wilde Liga" und "Die Braut des Drachen", die auch in mehrere europäische Sprachen übersetzt wurden. Trotzdem blieb Uroevi ein Geheimtipp.

"Meine Cousine Emilia" wird in 18 Geschichten erzählt, die für sich selbst stehen, aber auch einander ergänzen. Uroevi schreibt atmosphärisch dicht wie nur wenige. Menschen wie Landschaften zeichnet er in wunderschönen poetischen Bildern. So lässt er die wuselige mazedonische Großfamilie Revue passieren: Das Familienoberhaupt Opa Simon, der auf uralten Karten und in speckigen Enzyklopädien fremde Länder und Kontinenten erforscht, Onkel Jakov, der als Kriegsheld gefeiert wird, in Wahrheit aber nur auf Hamstertouren unterwegs ist, die praktische Oma Spomenka, die das geheimnisvolle Einhorn als unnützen Vielfraß entlarvt. Schließlich ein vielstimmiger Chor von Tanten, Onkeln, Schwagern und Cousinen, eine "bunt gefiederte Schar", die das Haus in einen Taubenschlag verwandelt und für ein "fürchterliches Tohuwabohu" sorgt.

Urtümlich ist bei Uroevi noch die Wucht der Jahreszeiten in einer archaisch anmutenden Welt: "Draußen, in der Nacht, zog ein ungeheuerlicher Winter vorüber, mit gewaltigen Schneehaufen, mit Kirchtürmen, die ihrer Glocken beraubt waren, mit im Flug erfrorenen Krähen." In altertümlichen Zügen, die sich in eisigen Kriegswintern mühsam durch die Schneewehen kämpfen, sitzen Tabakschmuggler, Handleserinnen, Falschspieler und andere undurchsichtige, irrlichternde Gestalten.

Der Herbst erscheint nicht weniger unheimlich: "Der torkelnde, trunkene Sturzbach des Nebels ergoss sich in Straßen, Eingangstüren und Höfe, schnüffelte an Türen und Fenstern, kroch an den Wänden entlang. Die Häuser verschwanden unter den schweren Nebelschichten, und die Menschen darin fühlten sich bedroht, alleingelassen, schutzlos."

Der Magie von Uroevis bildhafter Sprache kann man sich nur schwer entziehen. Der mazedonische Altmeister ist in jedem Fall eine Entdeckung wert.

(Vlada Uroevi: Meine Cousine Emilia, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 240 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-24996-6)