Köln - Der Thriller "Noah" könnte auch den Titel eines James-Bond-Films tragen: "Die Welt ist nicht genug".

Zum einen, weil "Noah"-Autor Sebastian Fitzek (42) in seinem neuesten Werk die Überbevölkerung thematisiert. Zum anderen, weil Noah ein (Anti-)Held ist, der anscheinend sowohl die Lizenz zum Töten besitzt, als auch über sensitive Überlebensfähigkeiten sowie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Was ihn von dem Geheimagenten unterscheidet, ist eine völlige Desorientierung und Amnesie, die - wie sich später herausstellen wird - krankheitsbedingt ist und sein Kurzzeitgedächtnis in befristeten Abständen immer wieder löscht.

Wie auch Bond so oft, sieht sich Noah einer nahezu ausweglosen Situation gegenüber. Es geht um nichts Geringeres, als die Welt zu retten beziehunsgweise das Leben der halben Erdbevölkerung. Und um Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich. Um Humanität und Moral: Weltweit ist die Manila-Grippe auf dem Vormarsch, es gibt zu wenig Medikamente. Wer soll diese bekommen? Für eine global operierende Elite-Organisation stellt sich die zynische Frage: Wäre die tödliche Seuche nicht ein geeignetes und "humanitäreres" Mittel, um der drohenden Überbevölkerung Herr zu werden, als Millionen armer Menschen hungers sterben zu lassen?

Ein Pharmaproduzent will die rettenden Medikamente vorwiegend der Dritten Welt zukommen lassen, was andere Gruppierungen verhindern wollen. Zwischen diese Fronten (und in weitere Gefahrenzonen) gerät Noah, der eigentlich gar nicht weiß, wie er heißt und wer er ist. Er wurde bewusstlos von einem Obdachlosen gefunden und wieder aufgepäppelt, hat aber vollständig sein Gedächtnis verloren. Immerhin ist das Wort "Noah" auf seine Handfläche tätowiert. Fortan lebt er mit dem liebenswerten Penner Oscar in einem Berliner U-Bahn-Schacht, bis das Chaos beginnt: Man will ihm ans Leben.

Parallelschauplätze führen auf Manilas Müllkippen, in ein New Yorker Medienunternehmen, nach Amsterdam und Rom. Hier geht es um eine Frau mit zwei Kindern am Abgrund, dort um eine taffe Journalistin, die in eine Verschwörung hineinschlittert. Alle sind und alles ist miteinander verbunden. Aber wie, das wird erst nach und nach entschlüsselt. Es ist ein irres Puzzle, das Fitzek dem Leser da serviert. Und so geschickt gestaltet hat, dass scheinbar passende Teilchen sich wenig später als falsch erweisen. Der Spannungsbogen könnte nicht straffer gespannt sein - trotz oder vielleicht wegen der vielen falschen Fährten und häufigen Szenenwechsel. Mit wachsender Erkenntnis steigt die Verwirrung.

Fitzek hat in seinem Roman so gut wie nichts ausgelassen, tief in die Kiste mit Thriller-Elementen gegriffen und vor allem die Sünden der Wohlstandsgesellschaft thematisiert: Überbevölkerung, die Kluft zwischen Arm und Reich, Billigproduktion von Lebensmitteln und anderen Konsumgütern, Massentierhaltung, Umweltverschmutzung - und Gerechtigkeit. Zu viel für eine Story, möchte man meinen. Aber die Betroffenheit, die ganz sicher jeden Leser erwischt, rechtfertigt diesen massiven Zugriff auf die Sünden der modernen Welt. Spätestens hier enden die Bond-Parallelen. So unwahrscheinlich das Szenario auch ist, es enthält viele unbequeme Wahrheiten.

"Noah" ist ein harter Thriller. Nicht nur der Gewalt, Brutalität und vielen Toten wegen, sondern wegen der Skrupellosigkeit und Unmoral einiger einflussreicher Menschen, was bekanntlich ja keine Ausgeburt der Phantasie des Autors ist. Und daher ist Fitzeks Geschichte eine Attacke auf die psychische Stärke seiner Leser. Den Stoff muss man verkraften können.

Sebastian Fitzek: Noah, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 560 Seiten, Euro 19,99 ISBN: 978-3-785-72482-8