Frankfurt/Main - Wie zwei Tänzer umschlingen sich die beiden Geschichten, die der neuseeländische Autor Lloyd Jones in seinem neuen Roman verknüpft. Beide handeln von ungleichen Paaren, die der Tango verbindet.

Beide beginnen in Neuseeland und enden in Buenos Aires. Aber zwischen ihnen liegen zwei Generationen: Die Geschichte von Louise und Schmidt fängt im ersten Weltkrieg an; in den 1990er Jahren rekonstruiert seine Enkelin Rosa in der Hauptstadt ihre Liebesgeschichte und gerät dabei in eine ganz ähnliche Situation.

Schmidt (der auch einen Vornamen hat, aber immer nur "Schmidt" genannt wird) ist Klavierstimmer und bringt gerade Louises Piano in Ordnung, als ein wütender Mob ihn - fälschlicherweise - wegen seines Namens für einen Deutschen hält. Die junge Frau bringt ihn in einer Höhle an der Küste, wo sie bereits zwei Knaben versteckt hat, die sich weigern, in den Krieg zu ziehen. Nach dem dritten Flüchtling traut sie sich nicht mehr zurück. Die vier leben wochenlang in der Höhle. Schmidt lehrt Louise Tangotanzen. Beim Tango kann man sich in drei Minuten verlieben, heißt es, und genau das geschieht.

Doch eines Morgens ist Schmidt weg. Louise heiratet später - "natürlich", wie der Autor schreibt - einen der beiden Jungs. Wenn ihr Mann arbeitet, tanzt sie mit einem Besenstiel und träumt von Schmidt, der jetzt in Argentinien lebt, Bandoneons verkauft und ihr Liebesbriefe schreibt. Irgendwann verlässt sie ihren Mann und reist Schmidt nach - der von ihrer Entscheidung nichts wusste und gerade eine andere geheiratet hat.

Louise bleibt dennoch in dem fremden Land, dessen Sprache sie nie lernt und in dem sie nie heimisch wird. Tagsüber ist sie die graumausige "Gehilfin" in seinem Musikaliengeschäft, nachts schleicht er aus dem Haus, um heimlich auf Milongas mit ihr zu tanzen.

Eine schöne, traurige Geschichte, über die man gern mehr erfahren hätte, aber der Autor widmet ihr nur einen Teil des mit 300 Seiten ohnehin nicht sehr dicken Buchs. Mehr Raum räumt er der Enkelin Rosa ein, die in Neuseeland ein argentinisches Restaurant betreibt und eine Affäre mit dem Tellerwäscher Lionel anfängt. Auch diese beiden tanzen zusammen, aber ihre Geschichte ist viel banaler. Rätselhaft bleibt, wieso Lloyd ausgerechnet die randständigste Figur, den jungen Studenten, zum Ich-Erzähler erkoren hat.

Lionels Dilemma, dass er bei der Geliebten in der Stadt bleiben möchte, aber seinem kranken Vater auf der Farm helfen müsste; der vorhersehbare Liebeskummer, als Rosas Ehemann wieder auftaucht - Nebenkriegsschauplätze. Auch über Tango erfährt man viel weniger als in anderen Romanen, zum Beispiel "Drei Minuten Wirklichkeit" von Wolfram Fleischhauer. Die Passagen über Buenos Aires lesen sich wie ein Reiseführer. So entfaltet "Hier, am Ende der Welt, lernen wir tanzen" trotz des poetischen Titels und der spannenden Story lange nicht die Kraft des Vorgängerbuchs "Die Frau im blauen Mantel".

Lloyd Jones: Hier, am Ende der Welt, lernen wir tanzen. Rowohlt Verlag Reinbek, 301 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3498032357