Zürich - Nein, enge Freunde waren sie nicht. Dabei haben Max Frisch (1911-1991) und Alfred Andersch (1914-1980) sich nicht nur über ihre literarischen Projekte ausgetauscht.

Jahrelang wohnten sie im Tessiner Bergdorf Berzona praktisch Tür an Tür, duzten sich, sahen sich regelmäßig, hielten auch Kontakt, wenn der eine oder andere nach Berlin, Zürich oder New York reiste. Aber die beiden Schriftsteller fanden doch nie wirklich zueinander, Missverständnisse gab es viele und wenig intuitives Einfühlen in den anderen. Ihr lesenswerter Briefwechsel überrascht vor allem durch diese ernüchternden Einsichten.

Unerwartete Details aus dem Privatleben der beiden Autoren, intime Geständnisse, verblüffende Anmerkungen zu Arbeitstechniken - in dieser Hinsicht hat das Buch nichts zu bieten. Im Gegenteil, es ist geradezu unspektakulär. Das Wichtigste, das es enthüllt, ist die Tatsache, dass die beiden Schriftsteller, die dafür bestimmt schienen, Freunde zu werden, einander weitgehend fremd geblieben sind.

Frisch und Andersch trafen sich 1957 zum ersten Mal im "Café Odeon" in Zürich. Die ersten Briefe danach waren noch ausgesprochen geschäftsmäßig: Andersch, der für den Süddeutschen Rundfunk arbeitete, verhandelte mit Frisch über das Recht, im SWR aus dessen Werken lesen zu lassen. Eine besondere Sympathie klang da nicht durch, aber gegenseitiges Interesse. Enger wurde das Verhältnis auch über Jahre hinweg nur langsam. Noch Mitte der 60er Jahre siezten sich die beiden.

Immerhin waren da schon Vertraulichkeiten möglich, wie das Ablästern über Schriftstellerkollegen: "Uwe Johnson, ein pedantischer Lümmel, Schnurre mit dem Mauer-Komplex, Hans Werner Richter, das Genie der Bonhommie" notierte Andersch in einem Brief an Frisch über die Autoren der Gruppe 47. Und Frisch antwortete, dass ihn vor allem die Formulierung "pedantischer Lümmel" gefreut habe. Der Austausch der beiden wurde intensiver. In Berzona waren sie bald darauf Nachbarn, besuchten sich gegenseitig, gemeinsam mit den jeweiligen Partnerinnen.

Aber die Distanz blieb: Andersch flehte Frisch in seinen Anmerkungen zu "Andorra" an, "naturalistischer" zu schreiben. Genau davon wollte dieser sich allerdings mehr und mehr frei machen. Streit gab es dann aber nicht wegen literarischer Differenzen, sondern wegen einer Passage, die Frisch über Andersch in seinem Tagebuch verfasst und ihm zum Lesen gegeben hatte, keine unfreundlichen Zeilen, eher nüchtern, aber eben auch nicht gerade ein Text über einen Menschen, der einem besonders nahesteht.

Andersch hat das sofort gespürt und reagierte gereizt auf die "Momentaufnahme", als die er Frischs Schilderung abqualifizierte: "Ich erkenne mich darauf nicht wieder. Jeder deiner ach so höflichen Sätze enthält eine falsche Nachricht." Frisch ruderte sofort zurück, entschuldigte sich, verzichtete darauf, die Passage zu veröffentlichen.

Es nützte nichts: Andersch, dünnhäutig und nachtragend, brauchte Jahre, um über diese Kränkung hinwegzukommen. Erstaunlich genug, dass es dann doch noch zu einer Annäherung kam, einer "zweiten Freundschaft". Die Laudatio, die Frisch zum 65. Geburtstag von Andersch schrieb, enthielt dann alles, was sich der vielleicht schon Jahre vorher gewünscht hatte. Viel Zeit blieb den beiden Schriftstellern aber nicht mehr: Im Jahr darauf starb Andersch bereits.

Und so erscheint die Laudatio heute wie ein vorweggenommener Nachruf, der aus Pietät nur Positives enthalten darf. Wirkliche Nähe gab es zwischen den beiden wohl nur punktuell. Den Schweizer, der sein Heimatland immer als eng und fragwürdig empfand und den Deutschen, der aus seinem Heimatland in die Schweiz emigrierte, trennte vielleicht doch mehr, als sie verband.

- Alfred Andersch, Max Frisch: Briefwechsel, hrsg. von Jan Bürger, Diogenes Verlag, Zürich, 185 S., 19,90 Euro, ISBN 978-3-257-06879-5.