Tübingen - Nina hat zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Mit Jan erwartet sie nun das erste gemeinsame mit ihrem Mann. Sie will, dass er sie zum "Babyfernsehen" und Bluttest begleitet.

In Zeiten der modernen Pränataldiagnostik erscheint es ihr sinnvoll, sich beizeiten über die Gesundheit des ungeborenen Kinds zu informieren. Jan hat da so seine Zweifel, aber er geht mit. Es kommt, wie es kommen muss: Das Baby weist alle Zeichen einer Behinderung auf. "Warum wir" lautet die unvermeidliche Frage wohl aller Betroffenen. Sie ist auch titelgebend für den neuen Roman von Carsten Otte, der sich auf seine Weise mit dem Thema auseinandersetzt.

Die Geschichte wird aus der Sicht Jans erzählt, was seine Verzweiflung besonders spürbar macht. Zunächst aber ist er noch voller Hoffnung. Noch gibt es eine Chance, dass das Kind - ein Mädchen - trotz der ungünstigen Nackenfaltenmessung gesund ist. Doch es gibt mehr Anzeichen, auch äußerliche. Die nächsten Untersuchungen bringen Gewissheit: Trisomie 13. Das Kind wird nicht nur ein Loch im Herzen haben, sondern auch blind und taub sein und unter Muskelschwäche und immer wieder auftretenden Krampfanfällen leiden. Nina will abtreiben, Jan das Kind behalten.

Was nun folgt, ist ein unglaublich mitreißendes Szenario über das Leiden der beiden Menschen, die sich verbal zerfleischen, körperlich im Wechsel anziehen und abstoßen, seelisch scheinbar immer weiter voneinander entfernen, um dann doch wieder zueinanderzufinden, die ihre anfänglichen Positionen über den Haufen werfen und das wieder und immer wieder. Sie wissen nur, dass sie nicht wissen, wie sie mit der Tatsache, Eltern eines schwerbehinderten Kindes zu werden, umgehen sollen. Auch die Bekanntschaft eines Paares, das einen an Trisomie 13 leidenden Jungen hat, hilft ihnen nicht wirklich weiter. Sie geben ihrem ungeborenen Mädchen einen Namen: Emma. Über Emmas Schicksal aber können sie nicht entscheiden - noch nicht.

Es sind starke Passagen des Buches, authentisch, glaubwürdig, intensiv. Otte macht die Zerrissenheit Jans und Ninas nachvollziehbar, die sogar die Beziehung zu zerstören droht. Sie verliert sich in Wutanfälle, Beleidigungen, Ungerechtigkeit; er fürchtet durchzudrehen und flüchtet sich ausgerechnet in die Musik der Gothik-Band "The Cure". Ottes Porträtierung der beiden Hauptprotagonisten ist absolut gelungen. Einige Nebendarsteller allerdings sind weniger überzeugend, wie Schwiegermutter Elke (überzeichnet) und der supernette Doktor Matei (ach, gäbe es in der Realität doch mehr von ihm!).

Die Thematik ist ungewöhnlich und interessant. Dabei geht es nicht nur um die Frage: Abbruch der Schwangerschaft oder Austragen des Fötus\'. Das kann ohnehin nur jeder für sich selbst entscheiden. Es steht auch die Frage im Raum, ob pränatale Diagnostik in jedem Fall sinnvoll und notwendig ist. Ottes Themenwahl ist mutig, denn sie hat - so schien es zumindest bisher - kaum Bestsellerpotential. Ob der Autor mit seinem "Warum wir" den Gegenbeweis antreten kann, ist auch alles andere als sicher, denn Menschen neigen nun einmal dazu, unbequemen Wahrheiten und "Depri-Stoff" aus dem Weg zu gehen.

Doch das Buch zieht weder runter, noch deprimiert es, auch wenn man als Leser mitleidet und mit weinen möchte. Es kann im Gegenteil eine ähnliche Wirkung wie eine Selbsthilfegruppe haben und ist manchmal heiter und sogar komisch. Da kommt dann ein wenig der Carsten Otte durch, wie man ihn von seinen eher schrägen Romanen "Schweineöde" oder "Sanfte Illusionen" kennt. Das Einfühlungsvermögen des Baden-Badeners, sein Eintauchen in die Seele seiner Protagonisten kontrastieren nicht, sondern verbinden sich damit - mit dem Ergebnis, dass aus einer Schreckensvision ein Problem wird, mit dem man fertig werden kann, auch wenn das wahnsinnig schwer ist.

- Carsten Otte: Warum wir. Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen,
282 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-863-51078-7.