Berlin - Arme Ossis gegen reiche Wessis. Da ist eine einfache Geschichte, da sind die Rollen klar verteilt.

Aber arme Ossis gegen vertriebene Juden. Das ist schon vertrackter. Denn wer ist hier Opfer, wer ist Nutznießer? Beide Seiten sehen sich als Leidtragende: die jüdische Erbengemeinschaft, deren Väter einst unter Zwang verkaufen mussten, und die Siedlungsbewohner, die seit langem hier wohnen und sich keines Unrechts bewusst sind. Eine brisante Konstellation, die den kleinen Ort Warenberg in einen Ausnahmezustand versetzt.

"Das ist eine Geschichte", Kathrin Gerlofs neuer Roman, spielt in der turbulenten Nachwendezeit. Es sind die Jahre, in denen viele Wessis im Osten das schnelle Geld machten, Alteigentümer plötzlich auftauchten und ihren Besitz zurückforderten, Erben vertriebener Juden ihr Recht einklagten. Nicht selten entstand dabei tatsächlich neues Unrecht und eine zähe juristische Hängepartie.

Eine besonders komplizierte Restitutionsgeschichte gab es in Teltow-Seehof, einem idyllischen Vorort von Berlin. Dort kämpfte eine jüdische Erbengemeinschaft aus den USA jahrelang für die Rückgabe ihres Besitzes, der in den 30er Jahren parzelliert und verkauft werden musste. Eine Bürgerinitiative leistete erbitterten Widerstand. Offensichtlich inspirierte dieser Konflikt die Berliner Autorin (Jahrgang 1962) zu ihrem vierten Roman.

Gerlof hält sich wenig mit den komplexen juristischen Verwicklungen auf. Sie benutzt die Vorlage vielmehr für ein deutsches Sittengemälde, sie fragt nach Schuld und Wiedergutmachung. Die Bewohner in der Siedlung an der Salomon-Weinreb-Straße sind nicht nur Protagonisten im Kampf gegen die jüdische Erbengemeinschaft. Sie stehen auch für bestimmte Aspekte deutscher Geschichte.

Die Vorsitzende der Bürgerinitiative, Hedwig Gottwald, etwa ist die klassische linientreue ehemalige SED-Frau. Als Tochter zweier von den Nazis verfolgter Kommunisten empfindet sie es als "bösen Treppenwitz der Geschichte", dass ausgerechnet sie nun gegen die Erben verfolgter Juden antreten muss. Das andere Extrem verkörpert die Unternehmensberaterin Ute Graf, eine abgeklärte, toughe Wessi-Frau. Dann gibt es Menschen wie die Anwältin Johanna Wollweber, die mit der NS-Vergangenheit ihrer Väter hadern und Licht ins Dunkel ihrer verqueren Familiengeschichten zu bringen suchen.

Die Mitglieder der Bürgerinitiative werden zu verbissenen Hobbyhistorikern, wühlen sich durch Archive und Katasterämter. Sie wollen beweisen, dass die Weinrebs und die Weizmanns gar nicht unter Zwang verkaufen mussten. Und außerdem: "Von den Weinrebs ist niemand verfolgt worden, keiner ist ins Konzentrationslager gekommen und ins Gas gegangen."

Wie es wirklich war, das erzählt Kathrin Gerlof mit einem dramaturgischen Kniff. Sie lässt die Brüder Salomon und Hermann Weinreb, die im 19. Jahrhundert das Anwesen kauften, einfach aus dem Totenreich wiederauferstehen. Nein, das ist nicht eine Geschichte, das sind ganz viele Geschichten, die die Autorin hier präsentiert. Geschichten aus der Vergangenheit, die weit in die Gegenwart hineinreichen, deutsche Geschichten, persönliche Lebensbeichten.

Die Erzählung mäandert durch die Jahrzehnte, sie springt von einer Biografie zur nächsten, schildert gleichermaßen von Vaterkomplexen, von Waschzwängen wie von kollektiver Schuld. Das ist zu weit angelegt, da wird zu viel hineingepackt. Weniger wäre mehr gewesen.

Kathrin Gerlof: Das ist eine Geschichte. Aufbau Verlag, Berlin, 396 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-351-03563-1