Köln Nach dem bedruckenden Porträt eines Mädchens, das unter problematischen familiären Umständen während der 70er Jahre in Leipzig groß wird, entlässt Angelika Klüssendorf ihre traurig-eigensinnige Heldin nun ins Erwachsenenleben.

Noch bis zum Schluss namenlos in "Das Mädchen" (2011) hat die Autorin der jungen Frau nun einen Namen gegeben. Sie heißt April, englisch ausgesprochen, nach dem gleichnamigen Song von Deep Purple von 1969.

April im tiefsten Winter: Klüssendorf ist bei ihrem unsentimental-lakonischen Hauptsatzstil geblieben und versteht sich darauf, mit nur wenigen Worten Befindlichkeiten und Atmosphäre zu skizzieren. Zu Anfang ist das nichts als Kälte: April ist Ende der 70er gerade volljährig geworden und beginnt einen stupiden Aushilfsjob. Sie muss bei einer skurrilen Alten zur Untermiete wohnen. Es zieht eisig aus allen Ecken, April friert. In ihrem Innern aber tobt ein Feuer, Ausdruck ihrer Wut - auf sich selbst und die beklemmende Tristesse, die sie umgibt.

Die 18-Jährige sucht die Freiheit und probiert verschiedene Wege, sich selbst zu helfen. Trost findet sie in Büchern und Rockmusik, vermeintlich auch in Nikotin und Alkohol. Sie klaut auch gern, beispielsweise Kohle für den Ofen in ihrem öden Zimmer. Bis es ein wenig wärmer wird in diesem Adoleszenzroman, dauert es aber lang.

Erst nach über der Hälfte des Buchs kommt die Protagonistin inzwischen Mutter - zu der Erkenntnis, dass sie der begrenzten Welt, in die sie hineingeboren wurde, nur entkommen kann, wenn sie sich ändert. Sie wird selbstbewusster, emanzipiert sich von Seite zu Seite mehr, um sich schließlich Mitte der 80er Jahre mit Mann und Kind aus der DDR ausgewiesen - eine neue Existenz in West-Berlin aufzubauen, erst als Putzfrau und Küchenhilfe, dann als Verfasserin von Gedichten und Erzählungen.

Zu einem großen Happy End mit Friede, Freude, Eierkuchen hat sich Angelika Klüssendorf (Jahr 1958) nicht hinreißen lassen, doch wenigstens zu einer guten Portion Zuversicht. Ein leichter Urlaubs-Schmöker ist ihr neuer Roman nicht, gleichwohl sieht die Zukunft für April längst nicht mehr so düster aus wie zu Zeiten, als sie noch "Das Mädchen" war. Der graue Himmel ist aufgerissen. April fühlt sich endlich ernst genommen.

Auch wenn es durchaus einige auffällige Parallelen zur Biografie der Autorin gibt, die in der DDR aufwuchs und vor dem Fall der Mauer in den Westen übersiedelte, ist die Geschichte fiktiv. Ob es eine weitere Fortsetzung geben wird, bleibt abzuwarten. Schön wäre es.

Angelika Klüssendorf: April. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3462046144