Berlin - "Ich glaube nicht an Religion. Nicht an Politik. Und erst recht nicht an die Erwachsenen. Ich glaube nur ans Überleben." Das sind für eine 16-Jährigen erschreckende Worte, die nur verständlich werden, wenn man weiß, dass sie im Warschauer Ghetto lebt, vielmehr dort zu überleben versucht.

Die tapfere Mira ist die Heldin von David Safiers neuem Buch "28 Tage lang". Der Titel bezieht sich auf jene 28 Tage, die die Juden 1943 im Warschauer Ghetto der übermächtigen SS widerstanden. Damit hat Safier (47), der Erfolgsautor von so heiteren Büchern wie "Mieses Karma" oder "Jesus liebt mich", das leichte Genre verlassen und sich einem Thema zugewandt, wie es düsterer kaum sein könnte, nämlich dem Holocaust.

Zu dem Roman angeregt hat den Autor die eigene Familiengeschichte. Safier verlor seine jüdischen Großeltern im Holocaust. Sein Großvater starb in Buchenwald, die Großmutter im Ghetto von Lodz. Doch über diese Tragödien wurde in der Familie kaum geredet. Nur unbewusst haben sie im Leben des Enkels eine Rolle gespielt. Seit langem lag ihm das Thema schon am Herzen. Nun hat es für Jugendliche und Erwachsene in Form eines Spannungsromans aufbereitet.

Mira muss mit ihren 16 Jahren eine Last schultern, die sie kaum tragen kann. Ihr Vater, einst ein angesehener jüdischer Arzt, hat die Demütigungen und Enteignungen durch die Deutschen nicht mehr ertragen und sich eines Tages zu Tode gestürzt. Die Mutter ist seither depressiv und nicht mehr handlungsfähig. Es gibt noch einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Doch der Bruder ist Mitglied der verhassten Judenpolizei geworden, weshalb Mira ihn verachtet. Für die jüngere Schwester fühlt sie sich ebenso wie für die traumatisierte Mutter verantwortlich.

Pro Person bekommen sie nur 360 Kalorien am Tag von den Deutschen zugeteilt. Für den Kauf von Essen auf dem Schwarzmarkt haben sie kein Geld mehr. Wollen sie nicht verhungern, muss Mira Lebensmittel ins Ghetto schmuggeln: ein lebensgefährliches Unterfangen. Obwohl Tod und Gewalt ihr junges Leben verdüstern, erfährt Mira auch Liebe und Menschlichkeit. Ihren Freund Daniel, der sich um Waisenkinder kümmert, bewahrt sie vor dem Vernichtungslager. Dem opferbereiten Daniel steht der jüdische Widerstandskämpfer Amos gegenüber, zu dem sich Mira ebenfalls hingezogen fühlt. Es naht der Tag, an dem sie sich entscheiden muss: für den getreuen Daniel oder den unerschrockenen Amos und seinen Kampf gegen die Nazis.

Es gibt berührende Szenen in dem Roman. So zum Beispiel die wahre Geschichte der 200 jüdischen Waisenkinder, die im besten Sonntagsstaat singend das Ghetto verlassen, um in den Tod zu gehen. Der schon in die Jahre gekommene Ladenbesitzer Jurek sieht anfangs dem Ende gelassen entgegen: Er habe ein gutes Leben gelebt. So sei es nicht so schlimm, wenn seine letzten Jahre nun nicht mehr so angenehm seien. Doch später sieht man ihn mit gefärbten Haaren und auf jugendlich getrimmt, um vielleicht doch noch als arbeitsfähig zu gelten. Seine flackernden Augen machen Mira klar: "Wenn der Tod wirklich nahe ist, das begriff ich nun, war niemand gelassen."

Mit der kämpferischen Mira hat Safier eine starke Figur geschaffen, mit der sich Jugendliche, vor allem auch Mädchen identifizieren können. Dabei ist es eher unerheblich, ob diese Rolle für eine 16-Jährige nicht eine Nummer zu groß angelegt ist. Alles in allem ist es ein guter Spannungsroman. Safier versucht, die heutigen Jugendlichen in ihrer Sprache anzusprechen. Das ist legitim. Doch sind ihm einige Nachlässigkeiten unterlaufen. Formulierungen wie "ihre Haare waren kahl geschoren" oder "Daniel und ich hatten uns New York geschworen" müssten nicht sein.

- David Safier: 28 Tage lang. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 416 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-499-21174-4.