Hannover - Manche Künstler veröffentlichen jahrelang gar nichts, andere alle paar Monate irgendwas. Zu letzteren gehört Rocksänger Heinz Rudolf Kunze. Erst im Oktober vergangenen Jahres erschien seine neueste Platte "Stein vom Herzen", immerhin das 34. Album.

Nun hat er einen Roman geschrieben. "Manteuffels Murmeln" ist dabei ein bisschen so wie Kunzes Werk: ständig kommt etwas Neues. Oder wie der Niedersachse das Buch selbst auf der Homepage des Verlags beschreibt: "Dieser Roman ist natürlich komplett wahnsinnig. Mein Hauptwerk - Tausendundeine Nacht in der Hölle, Beckett verschärft, der Ulysses der kaputtgepamperten Generation zwischen 68 und Punk."

Die Rahmenhandlung wird schnell klar: Zwei Männer namens Manteuffel und Gruber liegen im Krankenhaus, sind angeschossen. Warum sie dort liegen und was zuvor passierte, wissen sie nicht. Stattdessen reflektieren sie über ihr Leben und ihre Situation, doch was ihnen geschehen ist, bleibt erstmal rätselhaft.

Auch nicht gerade viel Licht ins Dunkel bringt Monika - eine mysteriöse Frau, der beide verfallen scheinen und die sich Minze nennt. Immer wieder tauchen Erinnerungsfetzen an sie auf. Dabei wird klar, wie undurchschaubar sie stets wirkte: "Jeder Mensch ist ein Rätsel. Aber Minze ist mehr als ein Mensch für mich", sinniert Gruber.

Die Konstellation des Romans erinnert tatsächlich ein wenig an Samuel Becketts berühmtes Drama "Warten auf Godot". Die beiden Protagonisten sind auch dort ihrer Situation ausgeliefert - sie warten auf einen Mann namens Godot, wissen aber nicht, warum. Kunze geht aber noch einen Schritt weiter und orientiert sich zugleich an James Joyces Mammutwerk "Ulysses" von 1922, mit dem das Stilelement des Bewusstseinsstrom salonfähig wurde.

So webt Kunze zwischen die Geschichte von Manteuffel und Gruber allerlei Assoziatives - neben Gedankenströmen der beiden sind das kurze Geschichten, aber auch philosophische Gedanken. So heißt es etwa: "Ein großer Sandkasten ist die Welt, ein Spielplatz, eine Probebühne, und wir sind das geformte Rohmaterial. Uns gibt es wie Sand am Meer."

Die Themen sind umfassend: Es geht um Liebe, Moral, Politiker, Fernsehen, Geschichte und immer wieder um Musik. So werden Manteuffel und Gruber schließlich auch von einem Arzt betreut, der aussieht wie die Beatles-Legende John Lennon und von einer Krankenschwester, die an die Sängerin Joni Mitchell erinnert.

Die kurzweiligen Kapitel bilden Kunzes Lust an der Sprache deutlich ab - von "Twitterwochen" ist die Rede oder vom "Interbett". Manches ist unterhaltsam, etwa wenn es über die Stadt Osnabrück heißt: "Sie hat so ein bisschen den kleinbürgerlichen Charme eines weiß gestrichenen Kreiswehrersatzamtes, das keinen mehr bedroht." Und weil die Kapitel stets knapp sind, sind sie auch gut lesbar - die Fülle der Themen und der fehlende rote Faden überfordern aber bisweilen.

Fast schon als Alter Ego Kunzes kann man daher Manteuffel sehen, der sich im Krankenbett schwört, künftig nichts mehr schreiben zu wollen: "Es ist einfach furchtbar, dass mir zu allem und jedem etwas einfällt."

- Heinz Rudolf Kunze, "Manteuffels Murmeln", Aufbau Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-351-03575-4.