Berlin - Der Satz, im Original so prägnant, ist im Deutschen vielleicht etwas umständlich geraten: "Gib acht, dass dich niemand bemerkt, dann landest du auch nicht am Galgen."

Es ändert nichts daran, dass er das Leitmotiv in Stefan Bachmanns viel beachtetem Romandebüt "Die Seltsamen" ist. Für Mischlingskinder - die "Seltsamen", halb Mensch, halb Feenwesen, deren Leben nicht viel zählt - ist er die wichtigste Regel. Zumindest im übertragenen Sinn haben ihn sich aber auch alle anderen in der von Bachmann erschaffenen Fantasy-Welt zur Maxime gemacht: Kümmere dich um deinen eigenen Kram, dann hast du keinen Ärger. Nur dass dann eben auch jeder machen kann, was er will.

Bachmann, Jahrgang 1993, hat das viktorianische England für "Die Seltsamen" mit einer von Feen bewohnten Fantasiewelt verschmelzen lassen. Das Ergebnis ist aber nicht bunt und fröhlich, sondern kalt und grau, geprägt von Armut, Argwohn und Rassismus. Nur aus Versehen sind die Feen einst in die Welt der Menschen geraten, in einem Krieg besiegt, ihrer Magie beraubt und dann in die Rolle der zwar Geduldeten, aber Unerwünschten und stets Benachteiligten gezwungen worden.

Vor dieser Kulisse kreuzen sich die Wege von Bartholomew Kettle und Arthur Jelliby. Beide sind einem Serienmörder auf der Spur, der Mischlingskinder tötet, für die sich niemand interessiert. Der eine ist selbst ein solches Kind, das sich bislang, wenn überhaupt, nur im Dunklen auf die Straße in seinem Armenviertel wagte. Der andere ist ein wohlhabender Londoner Politiker, dem jederzeit alle Türen offen stünden - wenn er sich nur mal aufraffen könnte. Der eine will seine Schwester retten, der andere nur mit heiler Haut aus einer Sache entkommen, in die er irgendwie hineingestolpert ist.

Bachmann lebt in der Schweiz und studiert am Konservatorium in Zürich, ist aber in den USA geboren. Unter dem Titel "The Peculiar" ist sein Debüt dort schon vor geraumer Zeit erschienen und hat den damals 19 Jahre alten Nachwuchs-Autor - Berufsziel: Komponist - auf einen Schlag bekanntgemacht.

Den Figuren in "Die Seltsamen" fehlt es vielleicht etwas an Tiefe, auch weil Bachmann viel zwischen seinen Protagonisten hin und her springt und die Geschichte mit hohem Tempo vorantreibt. Da bleibt nicht immer so viel Zeit für die Entwicklung der Charaktere. Umso mehr Spaß macht die Kulisse des Ganzen, bei der Bachmann sein Faible für den sogenannten Steampunk auslebt und vor allem sehr viel Liebe zum Detail beweist.

Entstanden ist eine total abgedrehte Welt, die trotzdem noch so eng mit der Wirklichkeit verknüpft ist, dass nicht nur reine Fantasy-Fans und auch nicht nur junge Leser daran ihre Freude haben können. Und die Art, wie die Menschen in dieser fiktiven Welt mit den Fremden umgehen, die sie nicht wollen, aber doch dulden müssen, dürfte manchem erschreckend bekannt vorkommen.

Eines steht in jedem Fall fest: "Die Seltsamen" werden nicht lange alleine bleiben. Die Fortsetzung ist schon fertig. Sie soll im Herbst auf Deutsch erscheinen.

- Stefan Bachmann: Die Seltsamen, Diogenes Verlag, Zürich, 367 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-257-86238-6.