München - Es geht um nichts Geringeres als um Leben und Tod im Debütroman des jungen Engländers Gavin Extence. "Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat" erzählt die Geschichte eines Zehnjährigen, der von einem Meteoriten getroffen wird.

Das Ding aus Eisen und Nickel trifft Alex am Kopf, was ihm eine mehrwöchige Bewusstlosigkeit beschert und sein künftiges Leben in außergewöhnliche Bahnen lenken wird. Und nicht nur seins. Um es vorweg zu nehmen: Das Buch ist selbst wie ein Meteoriteneinschlag: selten, heftig und spektakulär.

"Meine Geschichte begann mit einem Knall und endete sang- und klanglos", wird Alex gegen Ende des Romans sagen. Aber das "sang- und klanglos" bezieht sich nur auf einen formalen Akt, der Knall hingegen auf weit mehr als nur auf den Meteoriteneinschlag zu Beginn der Story. Damals war Alex zehn Jahre alt und ein Kind mit überdurchschnittlichem Intellekt, das sich für Neurologie, Astrophysik, ja überhaupt für Naturwissenschaften interessiert und eine Passion für die Werke von Kurt Vonnegut entwickelt. Kurz: ein Paria, der vor allem in dem viel älteren Mr. Peterson einen Freund (bis in den Tod) findet.

Der mürrische, menschenscheue Vietnamkriegsveteran wird fortan mehr Einfluss auf die geistige und ethisch-moralische Entwicklung des Jungen nehmen, als es je ein Lehrer und nicht einmal die unkonventionelle Mutter vermocht hatten. Sieben Jahre lang dauert die ungewöhnliche Freundschaft, die erst mit dem Tod Petersons endet, womit natürlich nicht das Ende der Geschichte verraten wird. Denn noch bevor Alex seine Meteoritenstory in einer Rückblende dem Leser erzählt, wird er als 17-Jähriger eingangs des Romans von der Polizei gestellt - mit 113 Gramm Marihuana und Petersons Asche in einer Urne auf dem Beifahrersitz seines Autos.

Schwierige und absurde Situationen lassen den Zehnjährigen zu einem jungen Mann reifen, der sich in das Wort Integrität hüllt wie in einen Schutzumhang und deshalb sicher ist, stets das Richtige zu tun - selbst wenn es das in den Augen der Umwelt nicht ist. So erinnert der kluge und frühreife Alex durchaus an John Irvings oder Joseph Hellers schräge Romanhelden, die weitsichtige Denkweise, die satirische Sprache Gavin Extences an die skurrilen Geschichten seines amerikanischen Kollegen Vonnegut.

Ihn würdigt der Autor in seinem mitreißenden Debüt im Übrigen nicht nur beiläufig. Ganz vordergründig überträgt er dessen Pazifismus und Humanismus auf Peterson - und in der Folge auch auf Alex. Was der 31-jährige Autor zu Papier gebracht hat, ist nicht nur außergewöhnlich, sondern außergewöhnlich gut. Auch die britischen Medien loben das Werk: "The Guardian" preist die Geschichte als "Ein Märchen für Realisten" an, der "Observer" bezeichnet sie als "weise". Der heute mit seiner Familie in Sheffield lebende Extence arbeitet derzeit an einem zweiten Roman. Es wird schwer sein, den vorliegenden zu toppen.

- Gavin Extence: Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat, Limes Verlag München, 480 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-8090-2633-4: