Berlin - Mit ihrem Wenderoman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" hatte die Leipziger Autorin Daniela Krien vor drei Jahren ein überraschend starkes Debüt. Die Kritik lobte ihre klare, kraftvolle Sprache und auch ihren Mut zu einer fast archaisch anmutenden sinnlichen Liebesgeschichte.

Der Roman wurde in 15 Sprachen übersetzt. Doch ein solch erfolgreicher Auftakt kann auch zum Handikap werden und einen Künstler festlegen. Ist Daniela Krien (38) also die neue Wendeschriftstellerin?

Ihr aktuelles Buch scheint das zum Teil zu bestätigen. Denn in "Muldental" geht es vor allem um Wendeverlierer, Menschen, deren Leben durch Wende und Wiedervereinigung erschüttert wurde und allzu oft auch aus der Spur geriet. Der Titel deutet es schon an: "Muldental" verweist nicht nur auf das Tal des sächsischen Flusses als häufiger Schauplatz der Handlung, er steht auch für eine stark erodierende Landschaft - so wie die Biografien, die hier erodieren.

"Muldental" ist anders als Kriens Erstlingswerk kein abgeschlossener Roman. Es sind vielmehr zehn Erzählungen oder Kurzgeschichten, die allenfalls locker miteinander verbunden sind. Kriens an sich schon schnörkellose, lakonische Sprache wird dadurch einmal mehr verdichtet und auf den Punkt gebracht. Mit wenigen Strichen zeichnet sie schicksalhafte Situationen.

Zum Beispiel in der Titelgeschichte "Muldental". Darin gibt die Künstlergattin Marie den Erpressungen der Stasi nach und liefert Berichte, um Mann und Sohn zu schützen. Ihr schwer kranker Mann lässt sie den "Verrat" später büßen und demütigt sie als Pflegerin und Dienerin, bis die Situation an einem brütend heißen Sommertag eskaliert. Der gewaltsame Tod des Mannes wird dann fast wie nebenbei und nur indirekt geschildert: "Dunkles Blut fließt ihr entgegen, tropft von der Stufe auf den hellen Küchenboden. Marie schwankt und lehnt sich gegen die Wand. Es waren immer die heißen Tage."

Ähnlich lapidar geschieht in "Sommertag" der Selbstmord des verzweifelten arbeitslosen Otto. Während er sich auf dem Dachboden erhängt, gießt seine Frau in aller Seelenruhe im Garten die Tomatenpflanzen und watscheln die schnatternden Gänse in der Idylle über die Wiese.

Es sind schon sehr düstere Geschichten, die Daniela Krien hier aufrollt. Es geht dabei um Denunziation, Abtreibung, psychiatrische Erkrankung und sogar um einen Doppelmord. Ein- oder zweimal zeigt sie auch die trotzige Seite der Verlierer, so in der Erzählung um zwei Frauen, die lieber für Geld eine schnelle Nummer schieben als alten Leuten den Hintern abzuwischen. Oder wenn junge Ossis sich gegen die Überheblichkeit der Wessis mit derben, nicht immer so lustigen Späßen wehren wie in "Mimikry".

Es sind wahre Geschichten, die an die Autorin herangetragen wurden, sie "angefallen" haben, wie sie in einem Interview sagte. Es sind aber eben auch drastische und extreme Schicksale, nicht unbedingt alltägliche Wendebiografien. Wäre es anders, wäre es zum Verzweifeln.

- Daniela Krien: Muldental. Graf Verlag, Berlin, 224 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-86220-022-1.