Berlin Ein erfolgreicher Vater kann seinen Kindern einen hervorragenden Weg ins Leben bereiten, aber auch eine große Last sein. Der Amerikaner David Gilbert zeigt in seinem zweiten Roman "Was aus uns wird" die vielfältigen Konflikte und Möglichkeiten, die in Vater-Sohn-Beziehungen stecken.

Im Mittelpunkt des Romans steht Andrew Dyer, der als junger Mann einen Roman über ein Eliteinternat geschrieben hatte, das zu einem Klassiker der modernen amerikanischen Literatur wurde. Genau wie J.D. Salinger und sein "Fänger im Roggen", mit dem Dyer im Roman immer wieder verglichen wird, ist auch er zur Legende geworden.

Diese Erfolge liegen jedoch lange zurück. Als der Roman einsetzt, ist Dyer alt, körperlich gebrechlich und geistig weit von früheren Höhen entfernt. Als sein ältester Freund stirbt, ist er nicht mehr in der Lage, eine Trauerrede zu schreiben. Er weiß, dass auch sein Ende naht, aber er hat noch ein Projekt, das er unbedingt realisieren will. Seine drei Söhne sollen zu ihm kommen, damit er ihnen noch eine wichtige Wahrheit eröffnen kann.

Tatsächlich besuchen die Söhne ihren Vater in New York und erleben eine äußerst merkwürdige Zeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass alle Beteiligten ungewöhnlich sind. Sie haben ihr Leben lang versucht, das Erbe ihres Vaters hinter sich zu lassen, und sind dabei zu Variationen ihres Vaters geworden, dessen Ruhm sie immer wieder einholt.

Der älteste Sohn lebt als Drogenberater in Los Angeles, träumt aber davon, als Drehbuchautor Karriere zu machen. Der zweite Sohn hat aus seiner Flucht vor dem Vater eine Karriere als unkonventioneller Dokumentarfilmer gemacht. Der jüngste Sohn hat noch keine eigenen Pläne, weiß jedoch schon, dass auch er seine Zukunft in der Kulturszene sieht. Ob sie es wollen oder nicht, was aus ihnen wird, hängt ganz entscheidend von ihrem Vater ab.

Das Verhältnis der Generationen ist das zentrale Thema des Romans, aber zugleich liefert er auch eine treffende Satire auf die New Yorker Kulturszene. Ein langes Kapitel widmet Gilbert einem Empfang im Museum, in dem ein Nachwuchsautor seinen Roman vorstellt. Auch hier blühen alle auf, als Dyer irrtümlich die Gesellschaft besucht. Bis er auftaucht, sind alle Gäste "zu beschäftigt, sich mit ihren winzigen gefilterten Mikrofonen gegenseitig zu interviewen".

Teilweise aberwitzige Formen nehmen die Versuche der Söhne an, aus dem ungeliebten Erbe des Vaters eine eigene Karriere aufzubauen. Ebenso skurril muten Dyers Bestrebungen an, sein Lebenswerk zu einem versöhnlichen Abschluss zu bringen. Aber bei aller Komik ist der Humor bisweilen so schwarz, sind die Thematik und ihre Umsetzung so schwer, dass aus Unterhaltung bitterböse Gesellschaftssatire wird.

- David Gilbert: Was aus uns wird. Eichborn Verlag. Köln. 638 Seiten. 22,99 Euro. ISBN 978-3-8479-0565-3.