Göttingen - Willie Dunne meldet sich Ende 1914 als Kriegsfreiwilliger, weil er für den Polizeidienst ein paar Zentimeter zu kurz geraten ist.

Vielleicht kann er so seinen Vater, den Polizeioffizier in Dublin, doch noch stolz machen. In "Ein langer, langer Weg" erzählt Sebastian Barry vom Höllenweg des 19-Jährigen auf die Schlachtfelder im belgischen Flandern, bis ihm der Vater kurz vor Ende des Krieges 1918 einen stolzen, vorbehaltlos liebevollen Brief schreibt. Der wird den Adressaten nicht erreichen.

Den Wahnsinn des Ersten Weltkrieges mit Giftgasattacken, endlosem Stellungskrieg und dann tausendfachem Sterben für ein paar Meter Raumgewinn führt der irische Autor aus der Sicht dieses einen Soldaten vor. Willie Dunne bleibt auch im verlausten Schützengraben ein noch unreifer junger Mann, der höchstens eine vage Ahnung hat, worum es im Krieg geht. Seine Unsicherheit wächst, ob die Teilnahme als britischer Soldat daran nun gut ist für den Kampf Irlands um Unabhängigkeit von London oder nicht. Er schafft es nicht, die Verbindung zu seiner Verlobten Gretta am Leben erhalten. Dunne schreibt seinem Vater von Kriegserlebnissen und kapiert nicht, warum ein erboste Reaktion zurückkommt.

Das Ende ist für ihn wie für die Millionen anderen Statisten praktisch schon mit der Geburt zum falschen Zeitpunkt vorbestimmt, ob sie nun physisch überleben werden oder nicht: "Alle sollten sie zermahlen werden von den Mühlsteinen eines kommenden Krieges." Auf dem Weg bis dahin aber setzt Barry alles daran, seine Hauptfigur als in jeder Minute aktiv mit Hirn und Herz handelnden, widersprüchlichen Menschen mit fantastischen Fähigkeiten, Fehlern und Grenzen zu zeichnen, den man nicht so schnell vergisst.

Dunne kämpft auch im Schützengraben um seine Seele, sein Herz und den Verstand. Das gelingt ihm besser als anderen, ist aber unter der Last des endlosen Kriegshorrors ein hoffnungsloses Unterfangen. Ein paar Monate vor Kriegsende ist er nach einer Verwundung "froh, fast glücklich", wieder zu seinem Regiment zu kommen: "Soweit ein Mann, dem die Seele aus dem Leib filetiert worden war, glücklich sein kann." Sarkasmus oder gar Zynismus sind ansonsten Barrys Sache ganz und gar nicht.

Die fast lyrisch schöne, bilderreiche Sprache in der Schilderung von Schrecklichem gehört zu den Stärken des 58-jährigen Autors aus Irland. Barry kann wie wenige das Leben eines alltäglichen Menschen liebevoll, aber ohne Sentimentalität und Beschönigung als groß nachzeichnen, gerade wenn es durch äußere Mächte zum Scheitern verurteilt ist. Zum grenzenlos brutalen Bericht des Feldpriesters über das Ende eines Soldaten heißt es: "Willie wollte nicht, dass die Geschichte für den Rest seiner Tage auf seinem Herzen lastete. Die Geschichte lastete für den Rest seiner Tage auf seinem Herzen."

So einfach und klar kommt dieses Buch oft daher, mitunter vielleicht eine Spur zu klar. Dass man bei der Lektüre immer mehr Empörung gegen die großmächtigen Verantwortlichen für die Zerstörung von Willie Dunnes jungem Leben spürt, ist andererseits ein überzeugendes Argument für den Stil Barrys. Dem Göttinger Steidl Verlag gebührt Dank, dass er diese Stimme nach dem meisterhaften Roman "Ein verborgenes Leben" und "Mein fernes, fremdes Land" zum dritten Mal für deutschsprachige Leser zugänglich macht.

Sebastian Barry: Ein langer, langer Weg, Steidl Verlag, Göttingen, 368 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-86930-663-6