New York/Reinbek - Der Bestseller-Autor Colum McCann schreibt in einem Wandschrank.

Ganz hinten in einer Ecke seiner Wohnung im neunten Stock eines eleganten Apartment-Hauses nahe dem New Yorker Central Park ist der Schrank in die Wand eingebaut, die Tür ist abmontiert, auf dem Boden liegen Kissen, den Computer nimmt McCann auf den Schoß. "Es fokussiert meine Sicht" sagte der Schriftsteller der "New York Times". "Keine Fenster, zwei sehr enge Wände."

In diesem Wandschrank entstand auch McCanns neuester Roman "Transatlantik", der nun auf Deutsch erschienen ist. Es ist sein erster nach seinem bislang größten Erfolg "Die große Welt" 2009. Das faszinierend-tiefgehende Porträt über New York, McCanns siebtes Buch, wurde zum Bestseller und in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet.

Für "Transatlantik" hat sich McCann nun wieder aus der Millionenmetropole, in der er seit mehr als 15 Jahren lebt und inzwischen am Hunter College Kreatives Schreiben lehrt, herausbewegt und eine Brücke zu seinen Wurzeln geschlagen. Der Roman spielt zwischen den USA und Irland, wo McCann 1965 geboren wurde. Aus zahlreichen Protagonisten und ihren Geschichten, die in verschiedenen Jahrhunderten spielen, webt McCann wie gewohnt ein kunstvolles, dichtes und faszinierendes Gesamtbild zusammen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sind dabei fließend. Er sei immer mehr an den verschwommenen Stellen zwischen beidem interessiert, sagte McCann der "New York Times" - "dem Wahren, das ausgedacht ist, und dem Ausgedachten, das wahr ist".

"Transatlantik" hat drei Hauptstränge: Es handelt von dem amerikanischen Abolitionist Frederick Douglass, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Irland reist, um Aufmerksamkeit und Geld für seinen Kampf gegen die Sklaverei aufzubringen, es handelt von den beiden Fliegern Jack Alcock und Arthur Brown, die 1919 den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik nach Irland unternehmen, und es handelt von dem US-Senator George Mitchell, der Ende der 90er Jahre die nordirischen Friedensgespräche zu moderieren versucht. McCann hat lange recherchiert, viele Interviews geführt und schließlich um diese drei historischen Geschichten herum sein Epos gestrickt.

"Mut" und "Ehrgeiz" attestierte ihm die "New York Times" dafür. Das Buch weise "beeindruckende Sprache" und "psychologische Schärfe" auf. Aber die US-Kritiker waren sich auch einig: An McCanns Meisterwerk "Die große Welt" kommt "Transatlantik" nicht heran. Dazu sind die Geschichten zu weit voneinander entfernt, der Roman bekommt nie die Dichte und die intensive Spannung der "Großen Welt".

Trotzdem begeistert auch McCanns neues Buch durch seine ruhige und gleichzeitig einnehmende Sprache, seine beeindruckende Fantasie und die facettenreiche Darstellung der Charaktere. "So komplex und anspruchsvoll, wie das Buch ist, wird es wohl nicht dazu beitragen, die Zahl der McCann-Leser zu erhöhen", schrieb die "Washington Post" "Aber es sollte die Wertschätzung seiner Fans vertiefen."

Colum McCann: Transatlantik. Rowohlt Verlag, Reinbek, 377 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-498-04522-7