München - Es ist bekannt, ja berühmt und nun auch berüchtigt - das Kinderheim Kongslund nahe Kopenhagen. Kurz vor dem 60. Dienstjubiläum der Leiterin Magna sorgen Gerüchte um mysteriöse Vorgänge für Aufsehen, die sich hier vor Jahrzehnten ereignet haben sollen.

Was ist damals wirklich geschehen? Was spielt Marie - Magnas Pflegetochter - dabei für eine Rolle? Und was hat es mit dem siebten Kind auf sich, das von aller Welt gesucht wird? Die Fragen beantwortet der dänische Autor Erik Valeur in seinem Roman "Das siebte Kind". Dazu muss man sich durch sein monumentales Debüt von 800 Seiten arbeiten - was für Freunde von Psycho-Krimis ein Vergnügen sein wird.

Marie ist die zentrale Figur der Geschichte um verlassene, verstoßene und Waisenkinder, die in Kongslund vorübergehend eine Zuflucht gefunden haben, bevor sie zur Adaption in anderen Familien unterkamen. Marie, aufgrund einer Behinderung nahezu "unvermittelbar", blieb im Heim und wurde die Pflegetochter der Leiterin. Ein Foto, das sie 1961 mit sechs anderen Kindern unterm Weihnachtsbaum in Kongslund zeigt, wird für die Beteiligten zum Ausgangspunkt einer Reise in die Vergangenheit. Und die deckt weit mehr auf, als ihnen und anderen Beteiligten lieb ist.

Involviert ist scheinbar auch die ganz große Politik. Das Heim wird nicht nur finanziell von der Regierung unterstützt, die die Abtreibungsrechte radikal beschneiden möchte. Der Nationalminister hat höchstpersönlich sein Kommen zum Jubiläum zugesagt. Er und Magna sind alte Freunde. Beide - und nicht nur sie - sind höchst beunruhigt, als kurz vor den Feierlichkeiten ein anonymer Brief auftaucht, der die Adoptionspraktiken in Kongslund andeutungsweise in Frage stellt. Beigelegt ist dem Schreiben ein Foto - natürlich jenes mit den sieben Kindern unterm Weihnachtsbaum.

Jedem Leser wird beizeiten klar, dass in Kongslund etwas faul ist oder zumindest war. Doch wer wann für was auch immer verantwortlich ist und warum - das kristallisiert sich erst ganz zum Schluss heraus. Bis dahin schickt Valeur seine Leser immer wieder auf Irrwege. Der frühere Journalist hat geschickt ein Labyrinth aus Spuren, Verdachtsmomenten, Beweisen und falschen Fährten angelegt. Wie in einem überdimensionalen Spinnennetz, in dem sich nicht nur Protagonisten, sondern auch Leser zeitweise verfangen, führen die Fäden über zahlreiche Querverbindungen nur sehr langsam zur seltsam dunklen Mitte, zur Erkenntnis.

Es ist nicht nur die Craquelé-ähnliche Gestaltung des Romans, die ihn zu einem besonderen Leseerlebnis macht, sondern es sind auch die zumeist nachvollziehbaren Denk- und Verhaltensmuster der Figuren - selbst wenn man sie nicht gutheißt. Valeur hat mit nahezu professionellem Einfühlungsvermögen und aus eigenem Erleben Seiten des befreundeten Nachbarvolkes gezeichnet, die im Allgemeinen so nicht bekannt sind, wozu auch spezielle Projekte der rechtsliberalen Minderheitsregierung zwischen 2001 und 2011 gehören.

Der 58-Jährige, der selbst zwei Jahre in einem Säuglingsheim gelebt hatte und später als Journalist den Werdegang von Adoptionskindern verfolgte, zeichnet in seinem Psycho-Thriller ein Stück dänischer Zeitgeschichte, für das er in Skandinavien bereits mit einigen Preisen geehrt wurde. Dem deutschen Leser kann nur geraten werden, sich nicht vom Umfang abschrecken zu lassen, denn die 800 Seiten haben es in sich.

- Erik Valeur: Das siebte Kind, Blanvalet Verlag München,
800 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-7645-0504-2.