München - Walter Kempowski hat nach Themen, die ihn selbst umtrieben immer auch andere gefragt: "Haben Sie Hitler gesehen?" zum Beispiel oder "Erinnern Sie sich an den Tag, als die Mauer fiel?".

Ihn interessierte, ob sich jemand noch an sein Abiturthema erinnern konnte, an die erste Liebe, an die Großeltern, an sein Kinderspielzeug. Plankton fischen nannte der Schriftsteller, der am 29. April 85 Jahre alt geworden wäre, diese Methode. Und er hat die Antworten gesammelt, exzessiv geradezu. Nun sind sie in Buchform erschienen: ein spannendes, ungewöhnliches Projekt.

Kempowski, 2007 gestorben, hat ausdrücklich gewünscht, dass der riesige Materialfundus veröffentlicht werden sollte. Und er sah das Sammeln von Allagserinnerungen als Aufgabe, die über seinen Tod hinausreicht, als eine Art Vermächtnis. Das Buch wirkt auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium von Eindrücken, Beobachtungen, Erinnerungen. Aber beim Lesen entsteht eine erstaunliche Faszination.

Natürlich hat Kempowski zunächst einmal nur gesammelt, es gibt bei "Plankton" keine literarische Leistung im Sinn eines umfassenden gestalterischen Konzepts. Aber die Texte sind nicht banal oder beliebig, es sind Stimmen, die sich ergänzen, zum Chor werden. Das war Kempowskis Absicht und Hoffnung bei all diesen Projekten: Alltagserinnerungen auf diese Weise vor dem Vergessen zu bewahren.

Das machen auch Historiker mit Oral History, wenn sie Zeitzeugen befragen. Und doch ist "Plankton" nicht mit einer historischen Quellensammlung zu vergleichen. Das Nebeneinander der vielen Stimmen, hat eine ganz eigene Wirkung: "1945. Erhängte Soldaten in Berlin, mit Schildern um den Hals: "Ich war zu feige, meine Frau und meine Kinder zu verteidigen."" ist so eine typische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, von denen es in "Plankton" viele gibt.

Ein anderer erinnert sich an einen tödlichen Unfall: "1937. Ein Motorradfahrer, der ohne Kopf auf der Straße lag, ein zerschmettertes Motorrad und der Fahrer daneben." Aber es finden sich auch auch Passagen, die nichts mit Krieg und Schrecken zu tun haben: "Wir hatten ein Schaukelpferd, ein schönes Schaukelpferd, apfelschimmelartig lackiert mit Kunsthaaren. Ein Pony mit Lederbeschlägen und breiten goldenen Nietennägeln."

Was bleibt im Gedächtnis haften? Das Grauenvolle genauso wie das Schöne und oft das Banale. Kempowskis Sammlung belegt, wie breit das Spektrum ist. Der in Rostock geborene Autor galt nie als besonders innovativ, eher als traditioneller Erzähler. Aber das stimmte nicht: Der frühere Grundschullehrer hatte immer schon einen literarischen Spieltrieb, der ihn mit Konventionen brechen ließ.

Auch bei "Plankton" lässt sich das beobachten: Kempowski hatte die Idee, die Reihenfolge der einzelnen Planktonbeiträge nach dem Zufallsprinzip festzulegen. Und er wollte, dass das Projekt immer weiter ergänzt werden kann - ein Text, der kein Ende hat und sich vom Autor emanzipiert.

Der Knaus Verlag hat nun eine Möglichkeit entwickelt, diese Ideen umzusetzen: im Internet. Dort können User unter www.kempowski-plankton.de eigene Planktonpassagen ergänzen. Sämtliche Einträge werden dann per Zufallsgenerator gemischt. Und Knaus hat daraus gleich auch eine Geschäftsidee gemacht: Ein individuelles "Plankton"-Exemplar lässt sich per Print-on-Demand kaufen - gegen kräftigen Aufpreis.

Kempowski ist zu Lebzeiten viel nachgesagt worden: dass er eitel, dünnhäutig und konservativ gewesen sei, ein Schulmeister, kein Schrifsteller. Selbst wenn davon das eine oder andere zutreffen sollte, viele seiner Werke bleiben, gerade die, die sich mit dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen beschäftigen wie sein Spätwerk "Echolot". "Plankton" reiht sich dort ein, auch wenn es sicher nicht die gleiche Bedeutung hat. Leser werden noch lange darin blättern und auf das ein oder andere stoßen, das wert ist, nicht vergessen zu werden. Und das ist sicher ganz in Kempowskis Sinn.

- Walter Kempowski, Plankton. Ein kollektives Gedächtnis, Knaus Verlag München, 829 S., 49,99 Euro, ISBN 978-3-8135-0513-9.