Berlin - Der Verlag kündigt einen Roman über eine "große Liebe" an. Als Schüler in Nigeria verlieben sich Ifemelu, die bald neugierig zum Studium in die USA geht, und Obinze, der eher ungewollt als illegaler Einwanderer in England landet. Jahre später treffen sich die beiden in Lagos wieder.

Ein Liebesroman also, diese 600 Seiten von Chimamanda Ngozi Adichie? Nein, "Americanah" ist viel mehr. Die Liebesgeschichte zwischen Ifemelu und Obinze bildet zwar den Rahmen und schafft den Spannungsbogen für das neueste Buch der preisgekrönten Autorin Adichie, doch dessen eigentlichen Themen sind der alltägliche Rassismus und die Migration in lieblosen Zeiten.

Meisterhaft webt Adichie (36) aus Anekdoten und Beobachtungen, aus offensichtlich Verschwiegenem und scheinbar Nebensächlichem das Bild einer Gesellschaft, in der Abstammung und Hautfarbe nach wie vor viele Zukunftschancen bestimmen. Das gilt für die USA mit ihrem tabubelasteten Diskurs, dem die Autorin witzig den Spiegel vorhält. Und das gilt für Europa mit seiner Abwehr illegaler Einwanderung - für Adichies europäische Leser womöglich noch aufschlussreicher.

"Americanah" streift die großen Themen: Liebe und Verrat, Männer und Frauen, Schwarz und Weiß, Anderssein und Man-selbst-Sein, Hoffnung und Erfolg. Einzelne starke Sätze geben diesem Buch seine Kraft. Obinze erinnert sich an die Zeit, "als er noch glaubte, dass sich die Welt seinem Willen beugen würde". Viele präzise Schilderungen verleihen dem Roman seine Lebendigkeit. "Manche schwarzen Frauen", bemerkt Ifemelu, "würden lieber nackt auf die Straße rennen, als sich mit ihrem natürlichen Haar in der Öffentlichkeit zu zeigen." Haare werden zur Metapher für Rasse in Amerika.

Haarspalterisch mag es angesichts der Klasse dieses Romans erscheinen, auf ärgerliche Mängel der deutschen Ausgabe hinzuweisen. Doch "ein Fusel" (statt eines Fussels) im Haar, "ein Mädchen, die..." (statt: das), ein immer wiederkehrendes "Compound" für eine geschlossene Wohnanlage und ähnliche Folgen eines lieblosen Lektorats unterbrechen ständig das Lesevergnügen.

Vergnügen bereitet Adichie ihren Lesern trotz solcher verlegerischer Schludrigkeiten. Migration und Rassismus mögen keine Themen sein, mit denen ein Verlag in Katalog und Klappentext für einen Roman wirbt. Lieber kündigt man wohl eine Liebesgeschichte an. Doch mit "Americanah" gelingt Adichie ein Sittenbild, das gerade aus der Vielfalt der Einwanderungsgesellschaft seine besten Seiten schöpft: Die Welt ist farbiger als schwarz und weiß.

- Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main, 608 Seiten, 24,99 Euro, ISBN: 978-3-10-000626-4.