Berlin - Der Schriftsteller Ernst Toller (1893-1939) gehört zu jenen, deren Namen man vielleicht noch kennt, mit denen man aber kein konkretes Werk mehr verbindet. Ihm und anderen vergessenen deutschen Widerstandskämpfern setzt die australische Autorin Anna Funder ein literarisches Denkmal.

Ernst Toller wird man heute eher als politische Person verorten, als einen jener linksgerichteten Intellektuellen, die zum Humus der Weimarer Republik gehörten, dann ins Exil gehen mussten und später mehr oder weniger dem Vergessen anheimfielen. Dabei war der jüdische Autor in der Zwischenkriegszeit das "Wunderkind des Deutschen Theaters".

Noch weit mehr ins Dunkel der Geschichte gefallen sind die sozialdemokratische Politikerin Mathilde Wurm, die Widerstandskämpfer Dora Fabian und Berthold Jacob oder der sozialistische Redakteur und spätere Gestapo-Spion Hans Wesemann. Dabei sind ihre Biografien nicht nur dramatisch, sie repräsentieren auch einen verdrängten Teil des deutschen Widerstands. Darauf macht uns nun ausgerechnet eine australische Schriftstellerin aufmerksam, indem sie diesen schillernden Intellektuellen- und Exilantenkreis in den Mittelpunkt ihres neuen Romans stellt.

Anna Funder, die noch vor der Wende als DAAD-Stipendiatin nach Berlin kam, ist von der deutschen Geschichte fasziniert. In ihrem bahnbrechenden und preisgekrönten Werk "Stasiland" richtete sie vor ein paar Jahren den Fokus auf die DDR-Diktatur. In reportagehaften Kollagen ließ sie Bürger von ihrem Leben im untergegangenen SED-Staat erzählen. Für "Alles was ich bin" hat die 1966 in Melbourne geborene Autorin dagegen die Romanform gewählt. Doch agiert das Buch stellenweise hart am Rande der Dokumentation.

Die Idee zum Buch kam Funder bei der Begegnung mit einer nach Australien emigrierten Deutschen. Ruth Blatt (1906-2001) erzählte ihr ihre unglaubliche Lebensgeschichte. Sie gehörte in den 20er Jahren zum Kreis um Ernst Toller und seine Geliebte Dora Fabian. Nach der Machtergreifung musste sie wie diese emigrieren. 1935 fand man Fabian und ihre Freundin Mathilde Wurm tot in ihrer Londoner Wohnung auf. Die britischen Untersuchungsbehörden gingen von Selbstmord aus. Doch vieles deutete darauf hin, dass die Gestapo die unliebsamen Widersacher ausschaltete. Eine sehr dunkle Rolle spielte in dem Zusammenhang Blatts Ehemann Hans Wesemann.

Funder erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven, jeweils im Rückblick, einmal aus Sicht der hochbetagten Ruth, dann aus der Ernst Tollers. Kurz vor seinem Selbstmord 1939 in New York diktiert der Schriftsteller seiner Sekretärin seine Erinnerungen. In deren Mittelpunkt steht die ebenso mutige wie charismatische Dora Fabian. Schon als Schülerin ist sie aktiv, setzt sich für ein sozialistisches Deutschland ein. Als Journalistin wird sie später dieses Engagement fortsetzen. Auch noch im Exil agiert sie furchtlos gegen die Nazis, die sie im Gegenzug einzuschüchtern und auszuspionieren suchen.

Der Teil des Romans, der in London spielt, ist der bei weitem beste. Während der erste Teil, in dem der jugendliche Freundeskreis in seinen glücklichen Jahren in Deutschland geschildert wird, allzu langatmig geraten ist, ist die zweite Hälfte packend.

Die von Bedrohung und Angst aufgeladene Atmosphäre im Exil ist mit Händen greifbar. Man hat nicht das Gefühl, dass die Widerständler nur einen Moment in Sicherheit sind. Ihre Wohnung wird geplündert, sie erhalten Morddrohungen. Der lange Arm der Nazis ist überall. Umso bewundernswerter erscheint der Mut der kleinen Truppe, die erst durch Verrat vernichtet wird. Das Ende ist tragisch, nur Ruth überlebt wie durch ein Wunder, um Jahrzehnte später als Zeugin zu fungieren.

Mit ihrem einfühlsamen Roman hat Anna Funder den zu Unrecht vergessenen Widerstandskämpfern ein würdiges Denkmal gesetzt. "Mich interessiert das Heldentum, das in solch dunklen Zeiten hervorkommt. Nur in Extremsituationen kommt dieser extreme Mut heraus", sagte Funder.

- Anna Funder: Alles was ich bin. S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main, 432 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-10-021511-6.