Frankfurt - Die Bezeichnung "Halbwesen" für künstlich gezeugte Kinder nahm die Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff nach heftiger Kritik als "zu scharf" zurück. An den Kernpunkten ihrer Brandrede gegen künstliche Befruchtung hielt sie aber fest.

In einer Rede Anfang März hatte sie von zweifelhaften Geschöpfen gesprochen, die auf abscheuliche Art zustande gekommen seien. Als einzig akzeptablen Weg stellte sie die Zeugung eines Kindes durch den Geschlechtsakt dar. Eine Welle der Empörung war die Folge.

Andreas Bernard, Redakteur beim "SZ-Magazin", beschreibt nun in "Kinder machen" die Geschichte der künstlichen Zeugung von Menschen und macht deutlich: Immer wieder gab es heftige Kritik an Fortschritten der Reproduktionsmedizin - die aus heutiger Sicht in den meisten Fällen kaum mehr nachvollziehbar ist und lächerlich wirkt.

Er beschreibt zunächst das Verfahren, das in Kinderwunschzentren zum Standard geworden ist: die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Dabei wird im Labor die Hülle einer Eizelle durchstochen und ein zuvor ausgewähltes Spermium abgesetzt. Allein in den 140 deutschen Zentren werden mehr als 10 000 Kinder jährlich mittels "assistierter Empfängnis" gezeugt, wie Bernard schreibt. Im Labor der Münchner Embryologin Helena Angermaier habe das Virtuelle der Prozedur bei ihm schon nach einer halben Stunde "ein Gefühl der Banalität, ja der Langeweile" hervorgerufen. Schnell sei vergessen, dass der Rohstoff in der Petrischale künftiges menschliches Leben ist.

Angermaier, die seit 30 Jahren mit menschlichen Keimzellen arbeitet, zitiert er mit den Worten: "Ich glaube nicht, dass die Art der Entstehung vollkommen spurlos an einem Lebewesen vorbeigehen kann". Die ersten durch ICSI gezeugten Menschen seien gut 20 Jahre alt, bisher liefere die Statistik bei ihnen keine Hinweise auf häufiger auftretende Gesundheitsprobleme, schreibt Bernard. Weltweit gebe es mehr als fünf Millionen durch In-vitro-Fertilisation entstandene Menschen, in Deutschland gehe jede 40. Geburt auf künstliche Befruchtung zurück.

Bernard trifft sich mit einem Spender der Berliner Samenbank, einem 22-Jährigen, der ihm recht sympathisch ist. Mehrfach betont der Autor die unklare Rechtslage solcher Spender in Deutschland - etwa, wenn Kinder ihren Erzeuger kennenlernen wollen, oder auch beim Unterhalt. "In Ermangelung eines spezifischen Gesetzes ist nirgendwo festgelegt, dass der Samenspender nach Geburt des Kindes zwangsläufig als Vater und somit als Adressat von Erbschafts- und Unterhaltsforderungen ausscheidet."

Bernard hat mit Frauen darüber gesprochen, wie sie über die Umstände ihrer Zeugung aufgeklärt wurden. Eine Frau, 1984 geboren und als Zehnjährige informiert, äußert sich versöhnlich und unbefangen. Eine zweite, 1980 geboren und erst mit 26 Jahren informiert, ist noch immer wütend und frustriert, wie der Autor schreibt. Den Kontakt zu den Eltern habe sie lange abgebrochen, das Verhältnis sei immer noch angeschlagen.

Beide Frauen aber hätten den innigen Wunsch, ihren biologischen Vater kennenzulernen - ein Wunsch, der im Bereich Adoption längst anerkannt sei, schreibt Bernard. Erst kürzlich sei es einer Frau in Deutschland gelungen, einen Reproduktionsmediziner erfolgreich auf Herausgabe der Spenderdaten zu verklagen - was in den kommenden Jahren vermutlich eine Fülle ähnlicher Klagen zur Folge haben werde.

Bernard widmet sich ausführlich der Geschichte der Samenspende. Noch Ende des 19. Jahrhunderts sei selbst die Übertragung von Samen des Ehemanns auf dessen Frau als "prekäre Herausforderung für die Ordnung von Ehe und Familie wahrgenommen" worden. Erst im Juni 1959 habe der Deutsche Ärztetag beschlossen, die Samenspende nicht als Straftat zu bewerten. Aus sittlichen Gründen und als der Ordnung der Ehe widersprechend wurde sie aber weiter abgelehnt.

Deutlich wird, mit welcher Vehemenz und Polemik die Gesellschaft und oft auch ein Gutteil der Ärzte neue Hilfen gegen Kinderlosigkeit zunächst ablehnten. Eindrücklich zeigt das der Ausnahmezustand am Krankenhaus der nordenglischen Stadt Oldham im Sommer 1978, als Lesley Brown dort das erste durch In-vitro-Fertilisation gezeugte Kind zur Welt bringt. Schon der Wandel vom damals eingeführten Begriff "Retortenbaby" zum heute meist verwendeten "Wunschkind" zeige den Sinneswandel der Gesellschaft.

"Kinder machen" ist aber kein reines Plädoyer für mehr Toleranz und Sachlichkeit - auch negative Aspekte werden klar geschildert. "Die Erfolge der ICSI-Methode sorgen für eine bemerkenswerte genealogische Konstellation: Da sich Defekte der Spermienqualität häufig auf die männlichen Nachkommen der Patienten vererben, kann sich die Infertilität in der nächsten Generation der Familien fortsetzen." Bernard zitiert die Embryologin Angermaier: "Ich züchte hier eigentlich Tag für Tag künftige Patienten heran."

- Andreas Bernard: Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 540 Seiten, 21,99 Euro, ISBN: 978-3-10-400739-7.