Berlin - Fußball ist sehr viel älter, als wir glauben. Das Spiel war nämlich schon im Mittelalter bekannt, jedenfalls in England, dem Mutterland des Fußballs.

Allerdings in einer Form, bei der wir uns die Augen reiben. Mit der Zahl der Spieler nahm man es nämlich nicht so genau. Es konnten auch schon einmal 200 sein! Nahmen solche Massen teil, waren die Fußballtore oft mehrere Kilometer voneinander entfernt. Die Spielfeldgröße richtete sich nach der Zahl der Teilnehmer. Der Ball konnte klein wie ein Cricketball oder auch sehr groß sein.

Die Regeln des Spiels, das man damals "campball" nannte, waren anarchisch, sie wurden jedes Mal neu festgelegt. Oft kam es zu chaotischen Szenen. Ein mittelalterliches Fußballspiel endete nicht selten mit Verletzten und Toten. Zwei Mal verbot König Edward III. das Spiel im ganzen Königreich. Seine Untertanen sollten sich lieber im Bogenschießen üben. Das war auch viel nützlicher für den Krieg. Es sind solche interessanten Details, die Ian Mortimers Buch "Im Mittelalter" so lesenswert machen.

In seinem "Handbuch für Zeitreisende" erfahren wir sehr viel aus dem Alltagsleben des mittelalterlichen Menschen. Mortimer hat zwar einen Reiseführer durch das England des 14. Jahrhunderts geschrieben, doch vieles kann man auch auf Deutschland übertragen. Sein Buch ist plastisch, sinnenfroh, oft schrecklich, aber auch überraschend anders. Nicht selten sprengt es unsere vorgefassten Meinungen, die meist aus kitschigen Hollywoodfilmen stammen oder aus historischen Romanen, die sich mit Vorliebe des schaurig-düsteren Mittelalters annehmen.

Viele Bilder in unserem Kopf stimmen mit der Realität nicht überein. So glauben wir gerne, der mittelalterliche Mensch sei ein Dorftrampel ohne Kinderstube gewesen. In Filmen sieht man wüste Gelage, bei denen die Gäste gierig an Hühnerkeulen nagen und die Knochen dann in hohem Bogen durch den Saal werfen. Vergessen Sie solche Mythen, sagt Mortimer: "Es gibt einfach keinen Haushalt, in dem ein solches Benehmen als schicklich gelten würde. Vielmehr ist eine strenge Etikette zu beachten." Hände waschen vor jeder Mahlzeit war selbstverständlich.

Auch in punkto Reinlichkeit war es im Mittelalter nicht so schlimm, wie wir es erwarten würden, und in jedem Fall weitaus besser als etwa im 17. und 18. Jahrhundert. Sicher, unter den Hörigen galt ein strenger Körpergeruch als ein Zeichen von Virilität, doch andererseits herrschte eine ausgeprägte Badekultur. Es gab öffentliche Badehäuser und Dampfbäder, sogenannte stews, und König Edward I. hatte fließendes Wasser in seinem Badezimmer, das aus vergoldeten Bronzehähnen floss. In dem ganzen prunkvollen Versailles würde man so etwas vergeblich suchen.

Wirklich unangenehm am Mittelalter sind in den Augen Mortimers dagegen vor allem zwei Aspekte: die allgemeine Brutalität und die kümmerliche Medizin. Es galt als völlig normal, Kinder, Frauen und Hunde zu prügeln, die Strafen für Diebe und Räuber waren drakonisch und die Freizeitvergnügen wie etwa Stierhetzen und Hahnenkämpfe zum Teil ausgesprochen blutig. Auch der Humor war derb. Wenn jemand über ein ausgespanntes Seil fiel, fand man das zum Brüllen komisch.

Vielleicht brauchte man diese Schadenfreude, um die vielen Plagen zu überstehen. Denn Pest, Lepra, Tuberkulose und anderen Krankheiten stand die Medizin machtlos gegenüber, war sie doch eine "bizarre Mischung aus Geheimritualen, religiösen Kulten, Hausmitteln und einer Freakshow". So empfahl man gegen Blasensteine in Öl gebratene Mistkäfer und Grillen, bei einer kranken Milz zusätzlich "die Köpfe von sieben fetten Fledermäusen". Manchmal war das Mittelalter dann eben doch genauso finster wie in unseren Vorstellungen.

(Ian Mortimer: Im Mittelalter. Handbuch für Zeitreisende, Piper Verlag, München, 432 Seiten, 22,99 Euro , ISBN 978-3-492-05605-2)