Hannover - Bartholomäus Grill ist das, was man im Journalismus eine "Edelfeder" nennt. Ein wortgewaltig-eleganter Schreiber, der sich mitunter abseits der Tagesaktualität auf eine sehr persönliche und manchmal auch unkonventionelle Weise bestimmten Themen kritisch nähert.

Der langjährige Afrika-Korrespondent Grill (59) enttäuscht auch bei seinem jüngsten Buch nicht. "Um uns die Toten - Meine Begegnung mit dem Sterben" - so der Titel - ist eine sehr persönliche und auch nachdenkliche Art von Lebensbilanz. Sie rückt den Tod als steten Begleiter des Autors in dessen ganz persönlichem Umfeld wie auch in seinem Berichterstattungsgebiet ins Zentrum.

An den Brennpunkten des Weltgeschehens konnte der Journalist nicht wegschauen, sondern musste dem Grauen oft direkt ins Antlitz schauen. In Ruanda etwa, beim entsetzlichen Völkermord, der sich in diesem Jahr zum 20. Mal jährt. Wie viele andere Beobachter mache auch Grill das hunderttausendfache Gemetzel zunächst lange Zeit sprachlos, vertraute er Kollegen an. "Habe ich als Mensch versagt, weil ich als Journalist funktionierte?", fragt er sich in dem Buch selbst. Es sind solche Selbstzweifel, die ihn bis heute plagen.

Doch jetzt hat er das Sterben, das er immer wieder beobachtete, zum Thema seines jüngsten Buchs gemacht. Das Sterben, das er bei seinen beruflichen Einsätzen aus nächster Nähe verfolgen musste, aber auch das Sterben, das er in seiner bayerischen Heimat erlebt hat. Der frühe Tod der Schwester etwa, der Freitod des unheilbar kranken Bruders, das Lebensende der Eltern oder des geliebten Großvaters.

Grill ist ein Suchender und zugleich ein Haderer. Er hadert mit der katholischen Kirche, die ihn in seiner Jugend so geprägt und mit ihrem Wertekanon später so alleingelassen hat; und er sucht nach Antworten auf die Frage, warum anders als etwa in Afrika - wo "im Tod eine unsterbliche Lebenslust aufschien" - Tod und Trauer in Deutschland zunehmend ausgeblendet werden; wo der "anonymisierte" Tod in Intensivstationen, Altersheimen und Hospizen herrscht: "Wenn ich in Deutschland eine der kalten, betongrauen Institutionen sehe, denke ich an das wunderliche Spektakel, das den Tod in Afrika begleitet."

Es ist ein in vielfacher Hinsicht außergewöhnliches Buch, das trotz der Thematik nicht düster daherkommt. Eindringlich setzt sich Grill darin mit seiner Erfahrungswelt auseinander, die trotz der persönlich gefärbten Schilderungen allgemein interessierende Fragen rund um Sterbehilfe oder würdevolles Altern aufwirft und Diskussionen anregt.

Unglaubwürdig kommt er lediglich bei seiner Kollegenschelte daher, wenn er mit dem Finger auf andere weist. Grill, der sich selbst in seinen Reportagen gerne in der "Ich"-Form in den Mittelpunkt stellt, kritisiert Kolleginnen, die genau das tun und sich "heimgekehrt von den Schlachtfeldern, in Berliner Szenecafés in existenzialistische Pose" werfen würden. Sein vernichtendes Urteil: "Wenn man selbst in Kriegsgebieten gearbeitet hat, findet man die Selbstbeweihräucherung und das humanitaristische Pathos ziemlich peinlich."

- Bartholomäus Grill: Um uns die Toten: Meine Begegnungen mit dem Sterben. Siedler Verlag 2014, 224 S., 19,99, ISBN-13: 978-3827500298.