Berlin - Ein Mord in Notre-Dame sorgt für Angst und Schlagzeilen: Ein junges Mädchen ist vor der Statue der Muttergottes, nach der die berühmte Kathedrale von Paris benannt ist, leblos zu Boden gesunken - erdrosselt und stigmatisiert.

Wer hat sie getötet, weshalb und warum gerade hier? Diese Fragen beschäftigen nicht nur die Ermittler, sondern auch Pater Kern im ersten Roman des Franzosen Alexis Ragougneau. Nicht von ungefähr trägt er den metaphorischen Titel "Die Madonna von Notre-Dame".

Ein Schuldiger ist bald gefunden, der Fall scheinbar gelöst. Aber Pater Kern hat bei diesem Ergebnis ein ungutes Gefühl. Auch eine junge ehrgeizige Staatsanwältin ist nicht überzeugt von der schnellen Einigung von Polizei, Justiz und Kirche, die alle daran interessiert sind, Aufsehen zu vermeiden und einem Ansehensverlust des Gotteshauses entgegenzuwirken.

Die Richtung ist vorgegeben: Der wahre Täter muss gefunden werden. Soweit das Vorhersehbare. Was bis zur Lösung des Falls passiert, wie Staatsanwältin und Pater zusammenarbeiten und dabei auch nicht ganz mit ihrem Beruf vereinbare Wege beschreiten, ist nicht nur von besonderer Machart, sondern kaum zu erraten. Der Leser wird mit dem kleinen Pater leiden, mit der Staatsanwältin ein Jugendtrauma durchleben, seine Sympathien für die Polizei sehr sparsam dosieren und auch den Klerus und dessen Einfluss auf die Justiz infrage stellen.

Die Kirche spielt bei Ragougneau, der bisher mehrere, auch preisgekrönte Theaterstücke verfasst hat, eine große Rolle. Natürlich, denn im Gotteshaus wurde ja die Tote gefunden. Aber nicht nur deswegen: Der 41-jährige Autor hat selbst lange in Notre-Dame gearbeitet und kennt sowohl das Haus als auch die Wirkungsbereiche der Mitarbeiter aus eigenem Erleben. Zur authentischen Schilderung des Umfelds kommen gut denkbare Situationen und Umstände sowie eine lebensechte Zeichnung der Protagonisten; nicht zuletzt auch Assoziationen zu realen Ereignissen wie Vertuschungspraktiken des Klerus, fragwürdige Zustände im Polizeiapparat oder Manipulationen innerhalb staatlicher Behörden und Gremien.

Dass Geistliche hin und wieder gern als Detektive agieren, ist nicht neu und sowohl in der Literatur als auch im Film ein beliebtes Sujet. Doch Pater Kern ist ein anderes Kaliber als Gilbert Keith Chestertons verschmitzter Father Brown oder die Figur des Paters Frank Dowling von US-Schriftsteller Ralph McInerny, bekannt auch aus der Fernsehserie "Ein gesegnetes Team". Und sogar der italienische Autor und Philosoph Umberto Eco griff in seinem ersten Roman "Der Name der Rose" mit William von Baskerville auf einen Franziskanermönch zurück.

Pater Kern hat mit ihnen nur das eine gemein: den Beruf. Ansonsten ist er ein kleingewachsener, von Kindheit an mit einer tückischen Krankheit geschlagener gutherziger Mann, der seinen eigenen Leidensweg geht. So wie er ist der gesamte Roman: schmerzlich und menschlich. Seinem ersten Fall werden hoffentlich weitere folgen.

- Alexis Ragougneau: Die Madonna von Notre-Dame, List Verlag Berlin,
256 S., 14,99 Euro, ISBN 978-3-4713-5114-7.