Berlin - Hat die Frau ein schönes Gesicht, so soll sie auf dem Rücken liegen. Ist sie klein, soll sie reiten, um ihre geringe Körpergröße zu verschleiern.

Der römische Dichter Ovid empfiehlt in seinem Lehrgedicht über die Liebeskunst, welche Stellungen in welcher Situation zu bevorzugen sind. Mit seiner "Ars amatoria" gibt es schon vor mehr als 2000 Jahren einen Ratgeber für das Miteinander von Mann und Frau: von der ersten Begegnung bis zum erfüllenden Sex.

Der heutige Blick auf die antike Erotik ist meist von reißerischen Überlieferungen geprägt. Dabei ist sie viel mehr als nur Knabenliebe, Bordellbesuche und Kaiserorgien. Mit seinem nun auf Deutsch erschienenen Buch "Liebe und Sex im Alten Rom" zeigt der italienische Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Alberto Angela abseits fertiger Bilder die gewöhnliche römische Sexualität.

Nach "Ein Tag im Alten Rom" (2007) über den Alltag in der antiken Hauptstadt und dem Nachfolger "Vom Gladiator zur Hure" (2010), in dem Angela über drei Jahre den Weg einer Münze durch alle Provinzen des Imperiums begleitet, behandelt der Evolutionsforscher zum dritten Mal das Altertum. Diesmal geht es um Eros, Begierden und Sinnesfreuden. Mehr als zwei Jahre habe er in antiken Schriften recherchiert, verrät er im italienischen Radio. "Alle Antworten findet man dort."

Und er stellt alltägliche Fragen: Wie werden Ehen arrangiert? Wie verläuft die Hochzeitsnacht? Gibt es Tabus? Welche Sextoys bringen Freude? Ist Selbstbefriedigung verboten? Wie wird verhütet, wie antikes Viagra hergestellt? Ist die "Länge" wichtig?

Der römische Politiker Metellus Numidicus hat einmal über Frauen gesagt: "Da man mit ihnen zwar nicht besonders bequem, ohne sie aber gar nicht leben kann, muss man mehr auf das dauerhafte Wohl als das kurze Vergnügen bedacht sein." Die vom Historiker Gellius überlieferte Episode zeigt einerseits: Die Fortdauer von Familie und Staat sollte dem Römer wichtiger sein als ein kurzes Stelldichein - Sex ist Politik. Und andererseits: Erotik und Leidenschaft sind zwar eine willkommene Dreingabe zur Ehe, aber weder Voraussetzung noch Notwendigkeit. Die Ehe bringt Kinder, Spaß aber gibt es außerhalb. "Körperliche Liebe war überall verfügbar, sowohl für den Mann als auch für die Frau", sagt Angela der italienischen Zeitung "La Stampa". Straffrei allerdings ist der Seitensprung nur für den Mann.

Angelas Erkenntnisse sind freilich nicht neu, aber so locker aufbereitet gibt es sie selten. Er zieht einfallsreiche Vergleiche zwischen antiken Verhaltensweisen und der heutigen Balz: Da macht er beispielsweise die kleinen Wachstäfelchen der Römer, die "tabulae", zu SMS anno 115 nach Christus, die Liebende hin und her reichen.

Der 52-Jährige Angela zieht für sein Buch nicht nur römische Dichter zurate, sondern auch die Archäologie: Frivolitäten gibt es nämlich sowohl in der Literatur als auch auf derben Graffiti pompejanischer Bordelle. Ja, dabei wird es richtig explizit: Man erfährt, mit welch vulgären Worten sexuelle Eroberungen an Hauswände gekritzelt oder woraus antike Strap-on-Dildos gefertigt wurden.

Gerade vor dem Hintergrund dieser erfrischenden Offenheit irritieren leider die vielen softpornografischen Groschenroman-Passagen: Darin verschmelzen dann Leiber, verschweißen sich Blicke oder brechen "übermächtige Wogen des Verlangens" herein. Einmal heißt es: "Ihre Hand ergreift Besitz von seiner Männlichkeit. Nun flammt auch in ihm der heiße Wunsch auf, sie zu besitzen. [...] Wie ungebärdige junge Pferde gleiten seine Hände über die fruchtbaren Weiden ihres Leibes." Diese Verklemmtheit ist unfreiwillig komisch und völlig überflüssig.

Am Ende kommt Angela zu dem Schluss, dass in Sachen Liebe und Sex keine andere Kultur der Moderne ähnlicher ist als die römische. Nur die Moral ist heute - trotz aller Offenheit - dann doch etwas strenger. Die Clinton/Lewinsky-Affäre jedenfalls wäre in der Antike ohne besondere Erwähnung als "business as usual" durchgegangen.

Alberto Angela: Liebe und Sex im Alten Rom. Goldmann Verlag, München, 384 Seiten, 10,99 Euro, ISBN 9783442158218