Berlin - Der Kurfürstendamm, West-Berlins stolzes Aushängeschild, vermag den zwölfjährigen Hanns-Josef Ortheil nicht zu beeindrucken.

"Der Kurfürstendamm", schreibt er in sein Reisetagebuch, "ist überhaupt nichts für Jungs in meinem Alter. Er ist eher etwas für ältere Menschen, die bereits am Stock gehen und laufend stehen bleiben. Ideal ist er für Bummler, die den ganzen Tag lang nicht weiter als zwanzig Meter gehen." In Ost-Berlin wiederum findet er das Leben stark gebremst und ohne Schwung: "Alles sah sehr anders aus als im Westen und ein wenig so wie in Zeitlupe oder wie in einem Traum ohne Farben. Die Menschen waren viel ruhiger und sie gingen auch langsamer und so, als hätten sie eigentlich gar kein richtiges Ziel."

Es ist das Berlin des Jahres 1964, das der Kölner Junge mit seinem Vater besucht, eine geteilte Stadt im Kalten Krieg mit einem geschäftigen, wuseligen Westen und einem grauen und stillen Osten, in dem zum Teil die Trümmer noch nicht weggeräumt sind, dazwischen die Mauer.

Die Stadt spielte in der Familiengeschichte des Schriftstellers eine wichtige, um nicht zu sagen tragische Rolle. Hier lebten die Eltern während des Krieges, hier verloren sie ihren ältesten Sohn. Nun kommt der Vater zurück, um ein paar alte Berliner Freunde wiederzusehen und einige Habseligkeiten mitzunehmen. Sein Sohn begleitet ihn und macht sich während des einwöchigen Besuchs eifrig Notizen. Später schmückt er diese Notizen zu einem "Reiseroman" aus und schenkt ihn seinem Vater, der ihn stilistisch und orthografisch korrigiert. In dieser Fassung hat Ortheil (62) jetzt 50 Jahre später "Die Berlinreise" veröffentlicht. Es ist in gewisser Weise eine Fortsetzung zu seinem Buch "Die Moselreise". Darin schilderte der Autor eine Wanderung mit seinem Vater im Jahr 1963.

"Die Berlinreise" ist mehr als ein Reisebericht, es ist vor allem ein Buch über eine innige, warmherzige Vater-Sohn-Beziehung. Die Art und Weise, wie sich der Sohn in seinen Vater einzufühlen vermag, seine Sensibilität für die unterschiedlichen Stimmungen des Mannes, der Respekt und das große Verständnis wiederum, welche der Vater seinem Sohn entgegenbringt, machen das Buch zu einer berührenden Lektüre. Bei einem Gottesdienst wird der Vater in der Erinnerung an früher von Trauer überwältigt, eine Situation, die für beide unangenehm ist, die der Sohn aber taktvoll meistert: "Ich schaute nicht zu ihm hin, weil ich nicht sehen wollte, dass er weinte, und ich redete mir auch ein, dass er das jetzt nicht tat. Wir haben beide nichts geredet, sondern sind immer weiter gegangen."

Es wird auch eine Reise in die Familiengeschichte. Denn der Vater entdeckt zwei Koffer, die die Mutter einst in Berlin zurückgelassen hatte, bevor sie in den Westen ging. Sie sind voll von Erinnerungsstücken und von alten Haushaltsbüchern, die die Mutter in ihrer Berliner Zeit schrieb, während der Vater als Soldat eingezogen war. Der Sohn liest von ständigen Bombenangriffen und von der Totgeburt seines ältesten Bruders, Ereignisse, die die Mutter so sehr belasteten, dass sie nie mehr nach Berlin zurückkehrte. Später entdeckt Ortheil das Foto eines weiteren Bruders, der mit drei Jahren von einer fehlgeleiteten deutschen Granate getötet wurde. Familientragödien und -geheimnisse, die seine Kindheit überschatteten.

Daneben aber enthält "Die Berlinreise" viele amüsante und geistreiche Beobachtungen und Bemerkungen, die für einen Zwölfjährigen zum Teil erstaunlich sind. Ob es über die "Berliner Art" und das Insulanertum ist, über das "Knistern von Ost-Berlin" oder "Das gute Neue Bauen", es ist ein ganz eigener, ebenso kindlicher wie cleverer Blick auf das Berlin jener Zeit. Daneben stellt der Junge auch übergeordnete Überlegungen an, zum Beispiel über den Begriff "Dialektik": "Dialektik ist bestimmt etwas sehr Durchtriebenes und Kompliziertes. Jedenfalls klingt das Wort so. Es klingt nach Zaubertricks oder einem mehrfachen Axel auf dem Eis, nach dem der Eiskunstläufer plötzlich im Eis verschwindet und sich in Luft auflöst." "Die Berlinreise" ist eine wunderbare Lektüre - unterhaltsam, nachdenklich, lebendig und vor allem voller Herz.

Hanns-Josef Ortheil: Die Berlinreise. Roman eines Nachgeborenen, Luchterhand Verlag, München, 288 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3-630-87430-2