Berlin - Tagsüber in den lauten Metropolen Berlin, Frankfurt oder Brüssel, abends bei der Familie im ruhigen Familiendomizil auf dem Land - Millionen deutsche Pendler kennen das.

Was sich zunächst gleichzeitig spannend und entspannend anhört, kann schnell zur Nervenprobe werden. Viele Pendler muten sich teils kleine, teils hunderte Kilometer weite Touren zum Arbeitsplatz zu.

Ob das verrückt ist oder zwingend notwendig, damit sowohl Job als auch Familienplanung glücken, hat der Journalist Claas Tatje nun in einem Sachbuch unter die Lupe genommen. Das "Fahrtenbuch des Wahnsinns", wie Tatjes Erstlingswerk heißt, ist nicht bloß ein lebhaft individueller Erfahrungsbericht - es ist der Bericht Dutzender Betroffener, die sich mit dem Autor über das Leiden des Pendelns unterhalten haben. Zu ihnen zählen unter anderen der Bahn-Boss Rüdiger Grube und der Ex-Lufthansachef Christoph Franz, auch der längjährige EZB-Direktor Jörg Asmussen, der frühere Finanzminister Hans Eichel und der entlassene HSV-Coach Thorsten Fink.

Die Betroffenen kreuzten oder kreuzen täglich quer durch Deutschland und sind damit Teil einer rund 26 Millionen Pendler starken Gemeinde, die auf dem Weg zur Arbeit auf Bus, Bahn oder Auto angewiesen ist. Sie betreiben "Deutschlands größten Volkssport", wie es Tatje nennt. Sie gibt es überall - in Nordenham im Nordwesten der Pendlerrepublik, auf der Riedbahn in Südhessen und in der Dölauer Straße in Halle an der Saale. Sie alle haben ihre ganz eigenen Erfahrungen in überhitzten ICE-Waggons und auf überfüllten Autobahnen gemacht und sie Tatje erzählt. Der hat daraus auf gut 200 Seiten ein unglaublich dichtes Bild der deutschen Pendlerkultur gezeichnet.

Dabei ist der Autor selbst ein Leidtragender: Als Wirtschaftsjournalist der Wochenzeitung "Die Zeit" war Tatje jahrelang zwischen der Arbeit in Brüssel und der Frau in Hannover unterwegs. Tatje selbst nahm das volle Programm auf sich, um Familie und Beruf unter einen Deckel zu bekommen. Nicht nur bei ihm zeigt sich schnell die Sehnsucht nach kürzeren Wegen - und damit nach mehreren Stunden mehr Freizeit pro Tag.

Tatje betet in dem Buch keineswegs schlichte Statistiken herunter. Sein Porträt des deutschen Pendlers - ein zuvor kaum in der Literatur beachtetes Individuum - ist in erster Linie ein sehr persönliches. Der Autor wollte die Gesichter möglichst genau nachzeichnen, die da frühmorgens im Bahnhofsbistro Kaffee trinken oder mit dem Handy am Ohr über die Autobahn hetzen.

Auffällig ist, dass diejenigen mit ihrem richtigen Namen im Buch stehen, die das Pendeln nicht krank und einsam gemacht hat. Wen das Pendeln dagegen in Kliniken und psychologische Behandlung brachte, bei dem wurde auf Wunsch der Befragten der Name geändert. Es sind nicht wenige. Ein Entwicklungshelfer sagt: "Pendeln ist anstrengender als das Leben in Indien, Nigeria, Ecuador und Mexiko."

Herausgekommen ist ein Werk, dass die Paradoxien des Pendlerlebens ebenso aufzeigt wie Profiteure des Pendel-Wahnsinns. Fahrradfahrer, die sich den Luxus leisten können, die wenigen Kilometer bis zum Arbeitsplatz zu radeln - es sind laut Tatje übrigens genau 14 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer - lernen die berechtigte Grundhektik von Pendlern kennen und wissen seit diesem Werk auch endlich offiziell, warum die Pendlerpauschale ein politischer Witz ist.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches ist aber folgende: Die wenigsten Pendler werden zum Pendeln gezwungen. "Es gibt keinen Grund, aufs Land zu ziehen, um in der Stadt zu arbeiten", schreibt Tatje. Diesen Satz werden überzeugte Pendler wohl ignorieren.

- Claas Tatje: Fahrtenbuch des Wahnsinns - Unterwegs in der Pendlerrepublik, Kösel-Verlag, München, 192 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-466-31003-6.