Berlin - Das Leben eines Lifeloggers ist ganz schön anstrengend. Jeder Schritt am Tag wird protokolliert. Ein Mini-Tracker zählt unerbittlich mit.

Leider wieder einmal 2000 Schritte unter dem geforderten Soll geblieben! Muss ich mich jetzt schlecht fühlen? Eine "Cardiograph-App" zählt gleichzeitig meine Herzfrequenz, eine andere zeigt, wie viele Kalorien ich verbrauche. Am Display meines Handys blinkt es immer wieder auf, wenn ich nicht genug getrunken habe. Sogar der Schlaf wird von einem Messgerät überwacht. Ich erfahre, dass ich nach zehn Minuten einschlafe und von den gefühlten acht tatsächlich nur sechs Stunden geschlafen habe.

Auch bei uns machen Lifelogger immer häufiger von sich reden. 2012 wurde die "Quantified Self"-Bewegung in Deutschland eingeführt. Meist geht es ihren Anhängern um den gesundheitlichen Aspekt, die Optimierung ihres Körpers. Lifelogging ist aber eigentlich viel mehr - nämlich die Vermessung des gesamten Lebens. Am Ende steht eine Art digitales Tagebuch, das jeden Moment unseres Lebens protokolliert und für die Ewigkeit festhält. Der Soziologe Stefan Selke (46), Professor an der Hochschule Furtwangen im Schwarzwald, setzt sich in seinem Buch "Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert" kritisch mit dieser neuen Bewegung auseinander.

Als Geisteswissenschaftler fragt er vor allem nach dem Gesellschafts- und Menschenbild, das dahinter steht. Es ist kein schönes, so viel kann man sagen. Die Jünger der Lifelogging-Bewegung sind meist datenverliebte Ingenieure, denen es vor allem vor einem graust: der Unberechenbarkeit des Menschen. Dass menschliches Verhalten oft irrational, anarchisch und mysteriös ist, empfinden sie als eine Provokation: "Sie können sich nur schwer vorstellen, dass Menschen etwas Grundloses tun, etwas, das nicht in Daten ausgedrückt werden kann." Mit der Selbstvermessung wollen sie die Kontrolle über das eigene Ich erlangen und sich disziplinieren.

Wie abstrus das im Detail aussehen kann, zeigt Selke an prägnanten Beispielen. Einer der Pioniere der Bewegung, der Amerikaner Gordon Bell, betreibt Selbstvermessung auch deshalb, um sich am Ende zu belohnen. Verbraucht er etwa an einem Tag weniger Kalorien als vorgesehen, erlaubt er sich eine "Freigabe" für Eis. Lebensfreude sieht anders aus. Die Lifelogger stehen offensichtlich in der Tradition der Puritaner, die sich auch ständig überwachten, um das ewige Seelenheil zu erlangen. Der buchhalterische Blick auf den eigenen Körper und die reine Zweckorientierung haben jedenfalls etwas zutiefst Lustfeindliches.

Selke kritisiert weiter, dass Lifelogger auch andere wesentliche Elemente unserer menschlichen Existenz eliminieren wollen, etwa das Recht auf Vergessen, Zufall, Intuition und Geheimnis. In letzter Konsequenz soll der Mensch genormt und auf Linie gebracht werden. Lifelogging dient der Effizienzsteigerung und "technischen Rationalisierung unseres Lebens", Prinzipien des Kapitalismus würden somit ins Privatleben übertragen. Darin sieht der Autor auch die eigentliche Gefahr dieser Bewegung.

Solange man das Ganze noch als persönliche Spielerei abtun kann, mag es angehen. Problematisch wird es aber, wenn alle Unangepassten, Schlecht-Vermessenen aussortiert werden, etwa wenn Dicke oder Raucher im Gesundheitswesen benachteiligt werden. So weit sind wir davon vielleicht gar nicht mehr entfernt. Trotz einiger Redundanzen gibt Selke einen guten Überblick über Lifelogging. Vor allem ordnet er es in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang ein, schlägt die Brücke zu Big Data, Überwachung und anderen brisanten aktuellen Themen. Sein Buch ist weder schrill noch rundherum technikfeindlich, aber er nimmt klar Stellung - gegen die fragwürdigen Heilsversprechen der Selbstvermesser.

- Stefan Selke: Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert, Econ Verlag, Berlin 368 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-430-20167-4.