Berlin - Vor zweieinhalb Jahrtausenden erblickt das Theater als alter Mann das Licht der Welt. Es hat einen langen Bart, trägt ein antikes griechisches Gewand und ist geistig und ästhetisch vollkommen ausgereift. Es bekommt gleich drei Namen: Aischylos, Euripides, Sophokles.

Der Theaterkritiker Rüdiger Schaper formuliert in seinem neuen Buch "Spektakel" die ungewöhnliche Idee, dass das Schauspiel seitdem eine grandiose Verjüngungskur vollzogen hat.

Schon der Untertitel des Buches zeigt, dass hier die Entwicklung der Bühne umgekehrt chronologisch verläuft: Als "eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos" - und nicht etwa "von Aischylos bis Schlingensief".

Schapers Ansatz: Das Theater ähnele dem "seltsamen Fall des Benjamin Button". So wie F. Scott Fitzgeralds Figur als Greis zur Welt komme und sich im Laufe ihres Lebens zu einem Säugling verjünge, so liege auch in den antiken Ursprüngen des Schauspiels eine Gesetztheit des Alters, die sich bis heute zu einer kindlichen Unverzagtheit entwickelt habe. Um 1600 - zu Zeiten Shakespeares und Molières - sei das Theater in seiner Pubertät angekommen: "Rücksichtslos und zart, wankelmütig und explosiv, geil und verliebt."

"Spektakel" ist kein auf Vollständigkeit gebürstetes Kompendium großer Dramatiker. Schaper zeigt, dass das Schauspiel mehr ist als das bloße Stück des Dichters: dass es von den Inszenierungen lebt. Anhand derer erzählt er die Geschichte der Bühne. Dafür schöpft er aus einem riesigen Fundus: Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er als Theaterkritiker - etwa für die "Süddeutsche Zeitung" und den Berliner "Tagesspiegel", wo er seit 2005 das Kulturressort leitet.

Er ist Stammgast in den Berliner Häusern und auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, begleitet Gastspiele nach Namibia oder in den Irak. Einmal ist er fasziniert von den Passionsspielen in Oberammergau, dann wieder staunt er über die "berstende Vitalität", mit der Bertolt Brechts "Kaukasischer Kreidekreis" in Kabul gespielt wird - während gleichzeitig der Afghanistankrieg in vollem Gange ist. "Wenn Brecht das Stück für einen Ort geschrieben hat, für eine Zeit, für Menschen, die nach der Kraft der Worte dürsten, der lösenden Kraft von Handlung, dann ist all das jetzt eingetroffen", schreibt er.

"Spektakel" ist eine Liebeserklärung an die Bühne, eine subjektive Retrospektive. Nach dem Benjamin-Button-Prinzip könnte der 2010 dem Krebs erlegene Regisseur Christoph Schlingensief als das sterbende Kind gelten. Schaper denkt seine Idee aber zum Glück nicht explizit zu Ende. Viel wichtiger: Das Theater ist trotz seiner Jahrtausende alten Tradition eine Kunst des Moments und jede Inszenierung ein neues Puzzlestück seiner Geschichte.

- Rüdiger Schaper: "Spektakel. Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos", Siedler Verlag, 352 S., 24,99 Euro, ISBN 978-3-8275-0027-4.