Berlin - "Wiewohl ich erst 22 Jahre zähle", notiert der junge Bertolt Brecht 1920, ist der angehende Dramatiker überzeugt: "Vierzig Jahre und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends."

Im "Gottes Abendlied" überschriebenen Gedichtentwurf rühmt er sich selbst und würdigt "die wundervollen Gesänge Bert Brechts". Eine "unglaubliche Frechheit" sieht der Leiter des Brecht-Archivs in Berlin, Erdmut Wizisla, in diesen frühen Notizen. "Manchmal lacht man, manchmal erschrickt man."

Brecht ist noch der Tastende, Suchende, aber er sei auch "sehr menschlich", wie Wizisla der Nachrichtenagentur dpa anlässlich der Veröffentlichung der "Notizbücher 4 bis 8 - 1920" (Suhrkamp) sagt. "Wir lernen hier einen anderen Brecht kennen, der alle neugierig machen kann, die meinen, ihren Brecht schon gut zu kennen."

Die auf 14 Bände angelegte, von Martin Kölbel und Peter Villwock herausgegebene ambitionierte Editionsreihe, in der bisher erst zwei Bände erschienen sind, publiziert laut Verlag erstmals authentisch sämtliche Notizbücher Bertolt Brechts. Sie bildet alle teils in altdeutscher, teils in lateinischer Schrift beschriebenen Blätter original ab und stellt ihnen eine detaillierte Transkription als Lesehilfe zur Seite. Dazu wird ein ausführlicher Stellenkommentar angeboten und eine ergänzende Elektronische Edition präsentiert wichtige Zusatzdokumente im Web.

"Was in diesen Kommentaren noch an Bezügen hergestellt wird, ist enorm", hebt Wizisla hervor. "Da wird die Brechtforschung noch lange von zehren können." Dabei lägen die insgesamt 54 Notizbücher seit dem Tod Brechts 1956 vor, seien aber bisher nur als "Steinbruch" genutzt und bis auf gelegentliche kurze Zitate unterschätzt und eher für "Abfall" gehalten worden. "Dabei sehen wir hier, wie Brecht geworden ist." Das Bild von dem "kühl kalkulierenden Brecht" werde hier korrigiert. 1973 war bereits Brechts "Arbeitsjournal" erschienen, Journale, die Brecht zwischen 1938 und 1955 führte. Die Notizbücher sind weit persönlicher.

Brecht schrieb mit Kopier-, Blei- und Buntstiften, Tinte oder Kugelschreiber in schwarz, braun, grau, blau, rot oder rosa. Er hatte stets ein "Notate"-Heft quasi als "transportable Schreibwerkstatt" bei sich, ob in der Kneipe, im Theater, auf der Toilette oder auf Reisen, auch und vor allem auf seinen ständigen Zugfahrten zwischen seiner Heimatstadt Augsburg und München und später auch nach Berlin.

Auf einer solchen Zugfahrt entstand zum Beispiel schon 1920 die Urfassung eines ursprünglich genannten "Sentimentalen Liedes", das später als "Erinnerung an die Marie A." ("An jenem Tag im blauen Mond September") weltberühmt werden sollte. Für Brecht-Biograf John Fuegi gehört das Gedicht zum "Grundbegriff der deutschen Literatur". Bis heute setzen viele den Lyriker Brecht auch höher an als den ihrer Meinung nach viel zu lehrhaften Dramatiker.

Bei der Zugfahrt nach Berlin hatte Brecht auch sein rebellisches Frühwerk "Baal" bei sich, von dem er später sagte: "Ich gebe zu (und warne): dem Stück fehlt Weisheit", aber es bereite nur denen allerhand Schwierigkeiten, "die nicht gelernt haben, dialektisch zu denken" ("Bei Durchsicht meiner ersten Stücke", Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe).

1920 war das Jahr, in dem Brecht noch keinen Erfolg und keine große Bekanntheit als Autor hatte, wie Notizbuch-Herausgeber Kölbel im Deutschlandradio Kultur zu seiner Edition betonte. Brecht probiert sich als angehender Schriftsteller und Dramatiker noch aus, nicht ohne früh erwachendes Selbstbewusstsein oder Ironie ("Die wundervollen Gesänge Bert Brechts"), aber auch noch voller Selbstzweifel oder Kummer über mangelnde Anerkennung: "Ich habe eingesehen, man liebt mich nicht. Ich kann wie ein Hund verrecken, sie trinken Kaffee." Und er räsoniert über seine Umwelt: "Der Bürger ist ebenso nötig wie das Pissoir. Wie unsittlich wäre das öffentliche Leben." Aber der junge Brecht lässt es nicht beim räsonieren.

Die Notizbücher, die Brecht auch in seiner Exilzeit um die halbe Welt immer bei sich hatte, seien auch Ausdruck seiner Haltung nach dem Motto "Ich nehme zur Kenntnis, was mir begegnet", meint Brecht-Experte Wizisla in seinem Büro in der Brecht-Gedenkstätte direkt neben der Grabstätte des Dramatikers auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo auch Hegel, Schinkel, Heinrich Mann, Anna Seghers und Heiner Müller begraben sind.

Die Notizbücher hätten etwas sehr Lebendiges, Konkretes, Journalistisches. "Aber er geht weiter und entwirft Konzepte, zum Beispiel zu Theaterstücken." Er ist allem Neuen aufgeschlossen. Auch für den jungen Film will Brecht schreiben ("Filme als Bücher schreiben!"). "Er notiert sich alles", meint Wizisla. "Heute würde man das in sein I-Phone schreiben. Vieles ist damit erledigt, anderes verfolgt er hartnäckig weiter." Für Herausgeber Villwock wird hier "nochmal ein neuer Brecht sichtbar, weil man ihn von einer ganz neuen Seite sehen kann, die vorher noch völlig unterbelichtet war". Damit könnten sich auch "bestimmte Lesarten" seines Werkes verändern.

- Bertolt Brecht: Notizbücher 4 bis 8 - 1920. Herausgegeben von Martin Kölbel und Peter Villwock, Suhrkamp Verlag, Berlin, 658 Seiten, 49,95 Euro, ISBN 978-3-518-42431-5.