Berlin - "Endlich, endlich ist mein sehnlichster Wunsch erfüllt!", schreibt der Pfarrer Siegfried Eggebrecht am 11. Dezember 1914 in sein Tagebuch. Endlich hat man ihn zum Feldgeistlichen ernannt, er darf in den Krieg: "Da draußen, da ist die Welt, ist Leben, wird Geschichte gemacht."

Er hatte schon Angst, der Krieg könnte vorzeitig zu Ende sein - ohne ihn. Wie erlöst besteigt der Theologe aus Halberstadt nun die Bahn, die ihn nach Westen an die Front bringt. In naiver Vorfreude wartet er auf den Krieg wie ein Kind auf Weihnachten: "Wo ist der Krieg? Noch sehe ich ihn nicht." Doch dann im nachtschwarzen Köln erfasst ihn ein "befreiendes Gefühl": "Hier ist Krieg! Im Dunkel der Nacht tasten drei Scheinwerfer den Himmel ab."

Heute liest man solche Worte mit Fassungslosigkeit. Denn wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Der Krieg war kein großes Abenteuer, sondern ein mörderisches Schlachten, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Ob in der Heimat oder an der Front - niemand ging daraus unversehrt hervor. Das zeigen die Tagebücher, die jetzt das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs veröffentlicht hat. Es sind Chroniken ganz normaler Menschen, die den Krieg wie Millionen andere hautnah miterlebten, etwa die Ehefrau eines Offiziers, ein Militärarzt, eine Kriegswitwe, eine Krankenschwester oder eben ein Feldgeistlicher wie Siegfried Eggebrecht.

Aus dem enormen Fundus des Tagebucharchivs haben Lisbeth Exner und Herbert Kapfer 37 Tagebuchautoren und -autorinnen für ihre "Verborgene Chronik 1914" ausgewählt. Der erste von insgesamt drei geplanten Bänden umfasst die Kriegsmonate von August 1914 bis Januar 1915. Schon in diesem relativ kurzen Zeitraum zeigt sich ein deutliches Abflauen der Begeisterungskurve. Der besinnungslose Hurra-Patriotismus macht einer gewissen Ernüchterung und sogar schon erstem Überdruss Platz. Dabei gibt es einen auffallenden Unterschied zwischen den Menschen, die den Krieg direkt an der Front erleiden mussten und den anderen, die ihn nur aus der zensierten und heroisch aufpolierten Presse in der Heimat kannten. Wer bis dahin noch geträumt hatte, der erlebte an der Front garantiert ein böses Erwachen.

So erging es auch dem Feldgeistlichen Eggebrecht. Schon nach einer Woche hatte er sich von Idealen verabschiedet: "Man idealisiert in der Heimat den deutschen Soldaten viel zu sehr. Man dichtet ihm Tugenden an, die er nicht hat und nicht haben kann." Stattdessen herrsche blanke Selbstsucht: "Manches Unkameradschaftliche erlebt man auch hier."

Aus dem Mund der 16-jährigen Hilde Grapow aus Kassel hört man dagegen noch ungefiltert die deutsche Heimatpropaganda heraus: "Ein Unterseeboot von uns, U 9, hat neulich drei englische Panzerkreuzer zum Sinken gebracht! Es ist famos!!! Das haben sich die Engländer auch nicht träumen lassen! Das kommt davon, wenn man sich mit Deutschland einlässt!"

"Die Siegesnachrichten jagen sich, der Jubel ist groß", schreibt Paula Busse am 24. August 1914 in ihr Tagebuch. "Ist es nicht ein wunderbares Gefühl, sich deutsch zu fühlen und deutsch zu sein, wenn man von solchen Siegen hört." Doch nur wenige Wochen später sieht sie ihr Leben zerstört. Ihr Mann stirbt im Lazarett. Mit ihren Kindern verbringt sie ein trostloses Weihnachten: "Ich lag fassungslos über das Sofa geworfen, von Weinen geschüttelt und nebenan im Zimmer der Jubel der Kinder."

Die chronologisch aufgelisteten Tagebucheinträge bleiben bewusst unkommentiert. Es gibt keine Fußnoten, die etwa Falschmeldungen korrigieren oder geografische Schauplätze und Frontverläufe erklären. Das kann man nachteilig finden, an der einen oder anderen Stelle fühlt sich der Leser auch allein gelassen. Doch es schafft eine größere Unmittelbarkeit. Denn so wie wir es lesen, haben die Menschen damals den Krieg tatsächlich erlebt, nicht angereichert und hinterfragt mit unserem heutigen Wissen.

- Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Herausgegeben vom Deutschen Tagebucharchiv, Galiani Verlag, Berlin, 416 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-86971-086-0.