Berlin - Ein ungewöhnlicher Ermittler steht im Mittelpunkt des Romans "Kains Opfer" des Schweizers Alfred Bodenheimer. Gabriel Klein ist Rabbiner in Zürich und geht in seiner seelsorgerischen Arbeit auf.

Als ein Mitglied von Kleins Gemeinde zu Tode kommt, bittet die Polizei den Rabbiner, einige auf Hebräisch geschriebene E-Mails des Toten zu übersetzen. An sich eine ganz einfache Aufgabe, aber dann sieht sich der Rabbiner plötzlich persönlich gefordert. In einer Mail entdeckt er einen Hinweis, der ein Mitglied seiner Gemeinde in ein zweifelhaftes Licht bringt. Umgehend teilt er der Kommissarin seinen Verdacht mit und erlebt, wie die Justiz ihren normalen Gang geht.

Bald erkennt Klein jedoch, dass die Dinge nicht so einfach sind. Er kennt den Verdächtigen und traut ihm die Tat nicht zu. Und als er die Trauerrede vorbereitet, stellt er fest, dass er das Opfer längst nicht so gut kannte, wie er gedacht hatte. In der Vergangenheit des Toten gibt es einige seltsame Lücken und Ungereimtheiten. Hinzu kommt, dass der Fall eine Belastung für die Züricher Gemeinde bedeutet. Klein betont mehrfach: "Ganz Israel ist füreinander verantwortlich."

Also beginnt Rabbiner Klein, auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei kommen ihm seine Kontakte in den international verteilten jüdischen Gemeinden zugute. Wichtige Informationen kommen aus den USA, und er kann sogar eine Dienstreise nach Israel mit seiner Suche nach Erklärungen verbinden.

Stets darauf bedacht, niemanden darauf aufmerksam zu machen, dass er in seinem Umfeld einen Mörder sucht, isoliert Klein sich mehr und mehr von Familie und Gemeinde und gerät so in immer größere innere Nöte. "War es nicht eine heilige Pflicht, und gerade seine, des Rabbiners, heilige oder auch verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dass herausgefunden wurde, wer Nachum Berger auf dem Gewissen hatte?"

Bodenheimer bettet die Suche nach der Wahrheit sehr gelungen in Traditionen der jüdischen Geisteswelt ein. Diese Traditionen haben, wie sich zum Schluss herausstellt, einen Anteil an der tragischen Vorgeschichte des Falles, aber auch an den Überlegungen, die zu seiner Auflösung führen. Bodenheimer weiß als Professor für Jüdische Kultur genau um die Bedeutung dieser Traditionen für das tägliche Leben in der Gemeinde.

"Kains Opfer" bietet anhaltende Krimispannung, bis der ungewöhnliche Fall aufgeklärt ist. Ebenso überzeugend ist das Porträt eines Mannes in Gewissensnöten, der sich intelligent mit seiner Situation auseinandersetzt. Ein hervorragender Krimi - und noch mehr.

- Alfred Bodenheimer: Kains Opfer. Nagel und Kimche Verlag, München, 224 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 978-3-312-00628-1.