Frankfurt/Main - Die isländische Studentin Agnes ist einst mit ihren Eltern aus Litauen eingewandert - und ist Jüdin. Für Ihre Abschlussarbeit recherchiert sie über die rechte Szene in Island - und verliebt sich dabei in den gut aussehenden Neonazi Arnór.

Das geht auf Kosten ihres Freundes Ómar. Als Agnes schließlich schwanger wird, weiß sie nicht, wer Vater des Kindes ist.

In seinem Roman "Böse" begnügt sich Eiríkur Örn Norðdahl nicht nur mit einer mit viel Sex aufgepeppten Dreiecksgeschichte aus dem kalten Norden. Es geht um Widersprüchlichkeiten im Faschismus. Zugleich versucht er zu ergründen, wieso junge Menschen immer noch von nationalsozialistischem Gedankengut fasziniert sein können.

Gut und Böse sind in den Katastrophen der Menschheit wie im privaten Leben nicht immer ganz eindeutig zu trennen. Liebe und Hass liegen auch im Leben der drei Protagonisten eng beieinander - wie in Agnes\' Familiengeschichte, in der sich litauische Nationalisten finden, die mit den Nazis paktierten.

Norðdahl hat eine Menge in sein 650-Seiten-Werk reingepackt: Unzählige Fakten und Reflexionen über Nationalsozialismus und Holocaust wechseln sich ab mit dem Fortgang der Dreiecksgeschichte, die zunehmend in den Abgrund führt.

So ist der Roman in der Tat, wie der Verlag verspricht, ein wilder Parforceritt durchs 20. Jahrhundert. Dennoch bleibt das Leseerlebnis eher schal. Der Entschlüsselung des "Bösen" kommt der Autor weder in der privaten Rahmenhandlung noch im philosophischen Überbau überzeugend nahe. Der 36-jährige Norðdahl, der junge Wilde unter den Isländern, ist zweifellos ein großes Erzähltalent. Mit dem ambitionierten Roman, der 2012 den isländischen Literaturpreis erhielt, hat er sich aber zuviel vorgenommen.

- Eiríkur Örn Norðdahl, Böse, aus dem Isländischen von Tina Flecken und Betty Wahl, Tropen Verlag Stuttgart, 658 Seiten, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-608-50143-8.