München - Der Marquis de Sade (1740-1814) könnte heute wahrscheinlich niemanden mehr erschrecken. Zu abgebrüht sind wir geworden in einer Zeit, in der im Nachmittagsprogramm in aller Seelenruhe über SM-Praktiken schwadroniert wird und Abartigkeiten aller Art im Internet abrufbar sind.

Unsterblich geworden ist der Marquis vor allem dadurch, dass die von ihm betriebenen Perversionen nach ihm benannt und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind. Wenige dagegen kennen noch seine Biografie oder eines seiner monströsen Werke.

Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde de Sade von allen möglichen Gruppierungen in Anspruch genommen. Surrealisten und Existenzialisten haben ihn für sich reklamiert, er wurde zum Revolutionär und Rebell hochstilisiert, dann wieder weichgespült und verharmlost. Der Historiker Volker Reinhardt beschreibt de Sade dagegen in seiner neuen Biografie als eine Art schwarzen Philosophen. Die Grundthese des Marquis sei gewesen: "Die Welt belohnt das Laster, weil die Natur das Böse braucht." Diese Idee von der absoluten Bösartigkeit der Natur versuchte de Sade im Leben, mehr aber noch in seiner Literatur immer wieder aufs Neue unter Beweis zu stellen.

Das Leben des südfranzösischen Aristokraten ist in weiten Teilen gut dokumentiert. Da er die Justiz wegen ausschweifender Sexorgien mit Gewaltanwendung in Atem hielt, gibt es über ihn ausführliche Polizeiprotokolle. Andere Aspekte seiner Biografie bleiben dagegen bedauerlicherweise im Dunkeln, und hier kann auch der gewissenhafte Historiker nur spekulieren. So wüsste man gerne etwas mehr über de Sades Beziehung zu seiner Mutter, die allerdings eher eine Nicht-Beziehung gewesen zu sein scheint, da die Frau die meiste Zeit im Kloster lebte. Auffallend ist jedenfalls, dass Frauen, speziell Schwangeren und Müttern, in seinen Büchern besonders sadistisch mitgespielt wird.

Etwas mehr ist schon über den Einfluss eines Onkels bekannt, eines lasterhaften Abbés, bei dem der heranwachsende Junge unfreiwilliger Zeuge von Ausschweifungen gewesen sei dürfte. Eine vermutlich prägende Erfahrung war darüber hinaus eine Episode als Soldat im Siebenjährigen Krieg. Der gerade einmal Sechzehnjährige erwies sich als sehr tapfer, erlebte aber auch große Grausamkeiten. Reinhardt vermutet ein traumatisches Erlebnis, dass ihn ein für allemal von der Nichtexistenz Gottes überzeugte. In einer späteren Orgie fällt de Sade durch seine Blasphemie auf und behauptet, "dass es keinen Gott gebe, wie er selbst erfahren habe." Genaueres ist leider nicht bekannt.

De Sades wütender Atheismus und sein Hass auf die katholische Kirche ziehen sich aber fortan durch sein Werk, gepaart mit der Idee einer mitleidlosen Natur, die Lasterhaftigkeit belohnt und Tugendhaftigkeit bestraft. Ob in "Die 120 Tage von Sodom", "Justine" oder einem seiner anderen Bücher: Das Böse triumphiert immer und überall. Wenn die Gesellschaft die Tugendhaftigkeit zum Ideal erklärt, ist sie in de Sades Augen nur scheinheilig oder macht sich selbst etwas vor. Dabei wird für ihn auch der Leser zum Versuchsobjekt: Wird er das Buch mit der Schilderung all dieser menschenverachtenden Ausschweifungen zur Seite legen oder doch gierig weiterlesen? Ist Letzteres der Fall, ist das der beste Beweis, dass die Lust am Bösen in jedem schlummert.

Reinhardt begeht nicht den Fehler wie manche andere, in den Wüstlingen der Bücher Ebenbilder des Marquis zu sehen. Trotz aller Perversionen, so weit ging de Sade nicht, tatsächlich wird ihm so manches mildtätige Werk zugeschrieben. Doch ist er auch nicht als verfolgter Vorkämpfer einer freieren Sexualität zu feiern. Denn seien wir ehrlich: Was er tat, würde auch heute hart bestraft werden. Wir würden es nämlich Vergewaltigung und versuchten Mord nennen. Reinhardt, eigentlich ein Experte für die Renaissance, ist wieder ein fesselndes Buch gelungen, das der Komplexität de Sades hervorragend gerecht wird.

Volker Reinhardt: De Sade oder die Vermessung des Bösen, C.H. Beck Verlag, München,464 Seiten, 26,95 Euro, ISBN 978-3-406-66515-8.