Berlin - Einen größeren Kontrast als die Schweiz und den Irak kann man sich kaum vorstellen. Auf der einen Seiten ein behagliches Wohlstandsparadies, auf der anderen Seite ein vom Krieg vernichtetes Land, in dem das Leben jeden Tag unter Vorbehalt steht.

So ist es sicherlich kein Zufall, dass der niederländische Autor Arnon Grünberg (43) diese beiden Antipoden gewählt hat, um ein höchst aktuelles Thema zu beleuchten: den verstörenden Gegensatz zwischen unserer heilen Welt und den unzähligen blutigen Konflikten auf diesem Planeten, die wir jeden Tag in den Nachrichten erleben.

Grünberg selbst hat diesen Kontrast immer wieder bei Irak-Besuchen erfahren, so unter anderem vor Jahren als "embedded journalist". In seinem neuen Roman "Der Mann, der nie krank war" konfrontiert er einen westlichen naiven Idealisten mit den Abgründen einer zutiefst fremden Kultur, in der ein Menschenleben und persönliche Sicherheit nichts zählen. Mit den Maßstäben und Verhaltensweisen unserer Zivilisation ausgestattet, fehlt dem Protagonisten jegliches Rüstzeug für eine Welt mit undurchsichtigen Spielregeln, die ihn schließlich zu verschlingen droht.

Was fast harmlos und unbeschwert in Zürich beginnt, entwickelt sich am Ende zu einem Drama. Samarendra Ambani genannt Sam ist ein ehrgeiziger junger Schweizer Architekt mit indischen Wurzeln. Seine Liebe gilt seiner Freundin Nina, vor allem aber seiner behinderten Schwester Aida. Er dagegen ist in seiner Familie "der Mann, der nie krank war". Eines Tages bekommt er eine Mail von einem Iraker, der ihn als einen von drei Finalisten nach Bagdad einlädt, um dort eine Oper zu bauen. Sam träumt davon, ein neuer Frank Lloyd Wright zu werden. Er möchte den Menschen im Irak eine Architektur der Großzügigkeit präsentieren, "keine Architektur mehr, die sich über die Menschen erhebt, Macht ausüben will, sondern eine, die dem Menschen zur Seite steht, sich unterordnet, die gibt."

Kaum in Bagdad angekommen, geschehen jedoch unheimliche Dinge. In Sams Koffer befindet sich fremde, schmutzige Wäsche. Zwielichtige Bodyguards nehmen ihn in Empfang, seinen Auftraggeber dagegen bekommt er nie zu Gesicht. Später erfährt er gar, dass dieser ermordet wurde. Sam selbst wird der Spionage verdächtigt und landet in einem Folterkeller, in dem man ihn demütigt und quält. Immer wieder verweist der Gefangene darauf, dass er ein Schweizer Architekt ist, der für die Iraker nur eine Oper bauen will. Aber er muss erkennen, dass nichts davon hier zählt, ja manches sogar unfreiwillig komisch ist. Etwa wenn er berichtet, dass sein Auftraggeber für Puccini schwärmt und seine Peiniger das für den Namen einer Geheimoperation halten. Sams Sätze wie "Wir dienen der Schönheit und Funktionalität. Form und Funktionalität müssen im Gleichgewicht stehen" wirken nicht von dieser Welt angesichts der blutigen Bagdader Realität.

Wie durch ein Wunder kehrt der Architekt in die sichere Schweiz zurück, doch von seiner Naivität ist er keineswegs geheilt. Als er nach einiger Zeit einen Auftrag aus Dubai bekommt, dort eine Bibliothek mit Bunker zu bauen, nimmt er ihn an, denn er meint, so seine Angst vor der arabischen Welt überwinden zu können. Zudem glaubt er, das steinreiche Dubai sei ein Rechtsstaat. Spätestens hier möchte man Grünbergs heillos weltfremden Protagonisten nur noch schütteln, damit er endlich aufwacht. Doch das Schicksal nimmt seinen Lauf. Grünberg verbindet in seinem temporeichen Politthriller Dramatik mit überraschender Ironie, Spannung mit Reflexion und macht daraus ein stimmiges Ganzes, das einen atemlos zurücklässt. Selten wurde der "Clash of civilizations" so brillant beschrieben und auf den Punkt gebracht.

- Arnon Grünberg: Der Mann, der nie krank war, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 240 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-462-04660-1